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Montabaur

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Nr. 50/95

mal hatten die Burschen eine Art an sich, alles mitzunehmen, was leicht zu bekommen war, und sie sagten noch nicht einmal Danke dafür.

Eines Tages, als ich alleine zu Hause war, kam ein großer, junger Indianer herein. Ich hatte gerade Brot gebacken und war stolz darauf. Es war ein wahrer Genuß für meine müden Leute, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen.

Ich war fürchterlich erschrocken, als der Indianer einfach hereinkam. Ich wußte nicht, sollte ich schreien, weglaufen oder mich verstecken. Der große Kerl taxierte alles, sah mein Brot, nahm es und entfernte sich damit. Meine Angst schlug um in hilflose Wut. Hätte ich genug Kraft gehabt, ich hätte seinen Skalp an die Eingangstüre gehängt als eine Warnung für alle anderen. Die Schwere des Vergehens kann man sich nur vor­stellen, wenn man sich die große Knappheit von Brot, die zu dieser Zeit in Fredericksburg herrschte, zurück ins Gedächtnis ruft.

Ich heiratete Wilhelm Feiler, als ich achtzehn Jahr alt war. Er war ein fleißiger und sehr intelligenter junger Mann. Bald nach unserer Hochzeit erwarben wir 200 Morgen Land ca. 25 km von Fredericksburg entfernt. 1853 zogen wir dorthin und bauten ein kleines Haus. Über harte Arbeit hatten wir bald die ganze Fläche gerodet, eingezäunt und kultiviert. Für das Land zahlten wir 400 Dollar. Wir waren so glücklich und zufrieden, wie man es sich nur wünschen kann, als die größte Tragödie meines Lebens begann.

Wilhelm und ich waren 13 Jahre verheiratet und hatten sieben Kinder. Das älteste war 12 Jahre alt, als diese Tragödie bzw. eine Serie von Tragödien uns befiel.

Mein Ehemann war ein heftiger Gegner der Sklaverei und machte keinen Hehl aus seiner Einstellung dazu. Aus freien Stücken heraus hatte er Greueltaten angezeigt, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft begangen worden waren. Er wurde deshalb gewarnt und bedroht. Aber es war ganz einfach wichtig in dieser Zeit, für den Frieden in unsrem Land einzu­stehen.

Die Indianer verursachten eigentlich nie richtigen Ärger, bis der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten ausbrach. Von diesem Zeitpunkt an waren sie eine allgegenwärtige Gefahr. Mein Mann und einige andere Männer hatten damit verbracht, eine Gruppe Indianer aufzuspüren, die in der Umgebung gese­hen worden waren. An diesem Abend kam er spät nach Hause. Er stellte sein Gewehr zu Seite. Wir saßen gerade beim Essen, als eine Handvoll Männer angeritten kam und nachfragte, ob Wilhelm Feiler hier wohnen würde und ob er zu Hause wäre. Mein Mann, die drohende Gefahr vielleicht nicht erahnend, stand vom Tisch auf und sagte ihnen, er wäre Wilhelm Feiler. »Nun«, sagte der Anführer, »sie sind verhaftet!« »Warum das, und wo ist der Haftbefehl?« fragte mein Mann.

»Machen sie sich keine Gedanken über den Haftbefehl! Das »Warum« werden sie schon erfahren, wenn sie den Ort erreicht haben, an den wir sie nun bringen werden,« war die Antwort des Anführers. In diesem Augenblick betraten sie das Haus und nahmen meinen Mann fest.

Ich war nicht zu sehr geschockt, daß ich nicht gewußt hätte, was das bedeutete. Ich versuchte deshalb verzweifelt, meinem Mann jede mögliche Hilfe zukommen zu lassen, oder ihn zu­mindest in die Lage zu versetzen, sich wehren zu können. Es gelang mir, an den Platz zu gelangen, wo er seine Pistole abgelegt hatte. Ich versteckte sie unter meiner Schürze und versuchte sie ihm zu übergeben.

Einer der Männer - ein kräftiger Bursche - sah, was ich tun wollte. Er packte mich am Arm und wand mir die Pistole aus der Hand. Dann bat und flehte ich, meinen Mann begleiten zu dürfen. Wilhelm aber bestand darauf, daß ich bei den Kindern bleiben sollte. Er versicherte mir, es würde schon alles gut gehen. Er umarmte einen jeden von uns und ritt dann weg, inmitten der Leute, die ihn gefangen genommen hatten. Es war das letzte Mal, daß ich ihn lebend gesehen habe.

Spät in der Nacht erhielt ich Nachricht, daß Herr Peter Burg durch einen Schuß in den Rücken getötet worden war. Mein Mann und zwei andere Männer, Herr Blank und Herr Kirchner, waren an dem Ast eines Baumes gehenkt worden, nicht sehr weit von unserem Haus entfernt.

Dies war eine der Tragödien des Krieges! Die kriminellen Täter waren verrohte Menschen, ihre Seelen verdorben und ihr Ver­stand vergiftet von Haß.

Mit den Indianern hatten wir in gutem Einvernehmen gelebt. Erst als sie merkten, daß die Regierung sin hinters Licht geführt hatte, kamen sie zurück, um zu plündern, zu töten und zu quälen. Gegen sie konnten wir uns verteidigen, aber nicht gegen die weißen Männer der beschriebenen Art.

Wenn wir einen Indianer sahen, wußten wir, es war an der Zeit wegzulaufen, sich zu verstecken oder den Kampf aufzuneh­men. Sahen wir eine Gruppe weißer Männer, wußten wir nicht, waren es Freunde oder Feinde, bis es dann vielleicht zu spät war.

Aber selbst die zuvor beschriebenen Männer waren nicht so schlecht wie dieser Schuft, auf dessen Vorschlag hin wir unser Haus kauften. Dieser Unmensch, so erwies es sich später, verkaufte uns etwas, was ihm gar nicht gehörte. Er war wirk­lich ein ausgesprochener Lump!

Nach dem Tod meines Mannes bemühte ich mich zusammen mit meinen Kindern, daß es weiterging; ich arbeitete hart und es gelang mir sogar eine Kleinigkeit zu sparen. Eines Tages kam nun der wahre Besitzer des Grund und Bodens und verlangte mir noch einmal dreihundert Dollar dafür ab. Diesen Betrag konnte ich natürlich'nicht bezahlen. So nahm er uns nicht nur das Land ab, sondern auch alles, was wir gebaut und zusammengetragen hatten.

Kurz nachdem ich Hof, Hab und Gut verloren hatte, entschied ich mich, mit den Kindern nach Fredericksburg zurückzuge­hen. Alles, was mir noch geblieben war, das waren die Kinder , - das älteste noch nicht einmal 13 Jahre alt - ein paar Sachen für den Haushalt und ein Schuldschein über ca. 100 Dollar, den mir mein Vater überlassen hatte. Herr Emil Wahrmund kaufte ihn mir ab. Ich weiß nicht, ob der Schuldner sie jemals -zurückzahlte oder nicht.

Von diesen 100 Dollar kaufte ich dieses Haus. Hier verbrachte ich mein Leben, erzog und umsorgte meine Kinder, so gut ich konnte. Ich schäme mich nicht ob dieser Tätigkeit. Meine Kinder waren sehr gut zu mir und ich meine, ich hätte allen Grund, sehr stolz auf sie zu sein.

Ich wusch und nähte für andere Leute und machte einfach alles, was ich an Arbeit bekommen konnte. Die Kinder, selbst die jüngeren, gingen mir dabei zur Hand.

Als ich dieses Haus kaufte, bestanden die Böden noch aus gestampftem Lehm. Damals besaß mein Schwager Ludwig Wahrmund ein größeres Gebäude, das als Tanzsaal und für andere Veranstaltungen genutzt wurde. Als er dieses Gebäude vergrößerte, gab er, mir die gebrauchten Fußbodenbretter. Es waren Eichenbohlen und man muß wissen, daß diese genauso gut waren wie neue, denn sie waren nicht genagelt. Sie waren so hart, daß man keirfen Nagel hinein schlagen konnte. Sie waren von den Mormonen geschnitten worden, die südlich von Fredericksburg ein Sägewerk betrieben. Die Bretter waren nicht abgenutzt. Auf Grund der langjährigen Nutzung in ei­nem Tanzsaal hatten sie in schönen Glanz.

Nun, im Dezember 1924, war ich schon 92 (zweiundneunzig!!) Jahre alt. Ich kann noch lesen und handarbeiten, ohne eine Brille zu benutzen. Ich war nie krank, bis ich vor drei Monaten einen Schlaganfall erlitt. Für einige Tage machte er mich bewußtlos, doch ich habe mich wieder gut davon erholt und bin wieder ich selbst. Ich könnte wieder selbst meinen Haushalt führen, aber meine Kinder bestehen darauf, daß ich mir eine Haushaltshilfe nehme. Da sie eine wirklich liebenswürdige Frau ist, bin ich froh, sie um mich herum zu wissen.

Ich bin froh, daß die Jugend heute nicht mehr durchzustehen hat, was ich in meinem Leben ertragen mußte. Ich freue mich, daß die jungen Leute ein gutes zu Hause haben, ihre Kirchen, Schulen und auch Unterhaltungsmöglichkeiten.

Ich hoffe, daß es nie wieder Krieg gibt!! Jeder soll ler­nen, daß der einzige Weg, glücklich und zufrieden zu leben darin besteht, jemandem etwas Gutes zu tun, et­was zu bewirken, was andere Menschen glücklicher und die ganze Welt besser macht!!«

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

ich finde, die abschließenden Gedanken von Frau Feiler, ihre Hoffnung auf Frieden und ihre Aufforderung, sich dem ande­ren zuzuwenden, haben mit Blick in das Geschehen unserer Zeit - nichts an Gültigkeit verloren.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen^alles Gute für die bevor­stehenden Festtage sowie Glück und Gesundheit im kom­menden Jahr 1996.

Meinem Kollegen, Willi Bode, danke ich sehr für seine Auf­merksamkeit und die freundliche Überlassung dieses, für uns Heiligenröther so interessanten Dokumentes.

Zerfas, Ortsbürgermeister