Ausgabe 
19.4.1968
 
Einzelbild herunterladen

den = denn in Wirklichkeit war ihre Nähe im Winter, wenn es draußen vor Kälte krachte, der gesuchteste Ort im Hause,

- sondern weil sie die bildliche Darstellung der bekannten biblischen Geschichte trugen und soraußer ihrem praktischen Nutzen auch erziehliche Absichten dienstbar wurden. Auch bekannte und beliebte Bilder aus anderen Geschichten stel« len sie dar, so; Simson, Melchisedech, die Kundschafter, die Geburt Jesu, die Hochzeit zu Kana, die Kreuzigung,

An ihre Benutzung zur Aufbewahrung der Speisen erinnert eine Platte mit der Inschrift;

"Vergesset nicht bei dem Genuß daß auch der Arme leben muß!"

Nicht ganz in diesen Rahmen passen die eisernen Wappen« schilder, wie der Doppellöwe des Nassauischen Wappens mit der Inschrift; "Vivat Nassau Oranien", das Wappen des Trie« rers Erzbischofs Johann Hugo von Orsbeck, des Erbauers des heutigen Schlosses, haltend,;

Ein kleines Zimmer weist die Waffensammlung auf, Geweh« re von der Steinschloßflinte über das Zündnadelgewehr zum Modell 71, allerlei Seitengewehre,Schwerte, Säbel, Degen, Dolche, darunter für Waffenfreunde manch wertvolles Stück blutiger Kriegswerkzeuge, für Freunde heimischer Volkskun« de manche friedliche Waffe des Hüters nächtlicher Sicher« heit, Nachtwächterspieße und ihre Zubehöre, Die Zeit nas­sauischen Soldatenlebens veranschaulichen zahlreiche Bilder; Gendarmen in Dienst und Paradeanzng, Garnisonkompagnien, Invaliden und Kadetten, Infanterien, Bombardiere, Artillerie und Pioniere, Einen Blick in die Geschichte des deutsch « französischen Krieges geben das hölzerne Bein und die Krücke eines Montabaurer Invaliden, der in Frankreich "auf einer Streife sein Bein verlor", in französische Gefangenschaft ge« riet und sich zu Fuß aus Feindesland in die Heimat schleppte. Manch erschütterndes Bild von dem Treiben fremder Soldates« ka aus jüngster Besatzungszeit ist im Bilde festgehalten und hämmert uns die Schmach erlittener Knechtung ins Gedächt­nis, Alte Schlösser und Schlüsseln aus der Renaissance« und Barockzeit, Huteisen, zum Teil aus dem 13, Jahrhundert, und dergleichen mehr vervollständigen die Sammlung,

Ich schaue in eine altertümliche Schusterwerkstatt mit der Glaskugel, vor der der Meister einst so schön spintisieren konnte. Neben ihr erblicke ich ein Gewerbe, das einst man­cherorts im Westerwalde geblüht, in Isenburg, Mengerskirchen, Holler und anderwärts, das Gewerbe der Nagelschmiede, das eine wachsende Industrie sterben ließ. Des letzten Hollerer

Ly

Nagelschmiedes (Johann Klein) Werkstatt, Geräte und Rad sind aufgebaut. Es fehlt nur noch der Hund im Rad, doch wie mir des Hauses freundliche Wärterin mitteilt, soll auch er bald das ruhige Gelaß vervollständigen.

Ich trete in den großen, zweigeteilten Raum, der in Bild und Gerät das trierische Zeitalter des Kreises darstellt. Natürlich dürfen da nicht die Bilder derjenigen Männer fehlen, die im Nieder«Erzstift einst den Krummstab führten, die Erzbischöfe und Kurfürsten von Trier, Von ihnen sind vertreten Johann von Schönberg (1581 bis 1599), Lothar von Metternich (1599 « 1623), Christoph von Sötern (1623=1652), Karl Kaspar von der Leyen (1652 « 1676), Johann Hugo von Orsbeck (1676 = 1711), Karl Joseph von Lothringen (1711 - 1718), Franz Lud«- wig (1718 = 1729),Franz Georg von Schönborn (1729 = 1756), Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1768 « 1802), Diese Bil« der, deren Folge wohl vervollständigt werden wird, erzählen uns von schweren Zeiten politischer und religiöser Unruhen, von wilden Fehden und Umsturz, aber auch von mutigem Ausharren und vertrauensvollem Ausbau durch kraftvolle Re« genten.

Weiterhin führt mich der Raum mit seinen Gerätschaften in das trierische Wohnhaus und zeigt auch, wie hier an dem Wiederaufbau des mannigfach heimgesuchten Landes eine ungebeugte, ungebrochene Volkskraft einen wesentlichen Anteil hat, Kernhaftes Hausgerät, schlicht und einfach, doch praktisch und dauerhaft, geben ein Abbild des trierischen Volkes, mag es die Küche mit der offenen "Herf" sein, an

dessen eiserner Hehl der Kessel hängt, deren Schafte allerlei j zinnerne und messingne Kostbarkeiten zieren, mag es die trau, liehe Wohnstube sein mit den Tischen, Stühlen und traulichen Beleuchtungsgegenständen alter Zeit (Kerzenhalter und Licht» | putzschere, Öllampen aller Art) oder die heimeliche Schlaf« i kammer mit den Schränken und Truhen, geschnitzten Bett­stellen und Wiegen mit ihren geblümten Decken und Kissen sein. Manch wertvolles Möbelstück, jahrhundertealt, erzählt von dem Leben in friedlichen Bauernhäusern, berichtet aber auch in seinen wertvollen Möbeln von dem Wohlstände man­cher Bürgerfamilie der westerwälder Kleinstadt, Ein Bild von des trierischen Volkes Gottgläubigkeit und Frömmigkeit, die ihm half, sich auch über die schwersten Zeiten hinwegzuset­zen, zeigt der Treppenaufgang mit seinen zahlreichen Heili­genfiguren, die noch gleichzeitig erinnern an eine starke Übum in heimischer Hauskunst,

Den Übergang aus der trierischen in die nassauische Zeit bil­den zahlreiche Fahnen ebendaselbst, unter ihnen zwei aus dem Revolütionsjahre 1848,

Das obere Stockwerk gibt ein Bild derselben in zahlreichen Gegenständen und Gemälden, Auch in dem großen nassauischen Zimmer treten Regentenbilder in den Vordergrund, Stiche von Vertretern aus den verschiedenen nassauischen Häusern bis zum letzten derselben, Herzog Adolf von Nassau und sei­ner Gemahlin Adelheid Marie, Ein Stammbaum der Herzoge von Nassau faßt das Geschlecht der Nassauer Herzoge zusam­men, alte Karten zeigen ihre Besitztümer zu verschiedenen Zeiten, Auch hier tritt das Nassauer Haus und Volk in Ausbau und Gewohnheit klar vor mein Auge,

Ein größerer Raum gegenüber zeigt des Nassauer Landes Bo­denschätze, ihre Gewinnung und Verarbeitung, Namentlich das Kannenbäckerland als des Kreises wichtigstes und eigen­artigstes Industriegebiet, ist würdig vertreten. Aber auch die mancherlei Tätigkeiten, damit die Bewohner des Unterwester­waldkreises in vergangenen Tagen des Lebens Not bekämpften,

Es würde zu weit führen, alle Einzelheiten des jungen Museums das am 10, Juni des Jahres der Jahrtausendfeier 1930 seine Eröffnung und feierliche Weihe erlebte, aufzuzählen. Recht viel hat es dank der eifrigen Sammeltätigkeit seiner Gründer und Leiter, dank auch des Verständnisses und der Opferwillig­keit der Kreiseinwohner, schon zusammengebracht. Mit ihm sind besonders die Namen der Herren Landrat Collet, Regie­rungsrat Bertsche, Kreisausschuß-Inspektor Keul, Buchhändler Willi Kalb und besonders des eifrigen Walter Kalb engstens verbunden. Letzterer hat die Anordnung und Einrichtung be­sorgt, Als Zeichenkünstler hat er es auch nicht vergessen, die Kunst der Jetztzeit den Zeichnungen vergangener Tage anzu­reihen, So erblicke ich Kreidezeichnungen des Frankfurter Malers Hans Lauer und die feinen Federzeichnungen von Wal­ter Kalb, Ob diese Bilder zwischen den alten Stichen indessen am Platze sind oder in einer Sammlung für sich nicht deut­licher von der Schönheit der Heimat, insbesondere von den reizenden Winkeln des altertümlichen Montabaur redeten, dürfte fraglich erscheinen, (Inzwischen sind die neuen Zeich­nungen schon in einer besonderen Abteilung aufgebaut, D, Red,), Die Zeit und fleißige Hände werden indessen auch hier noch bessere Ordnung'schaffen, wie die weitere Sammel­tätigkeit nicht Joß.werden möge, diese Stätte immer mehr zu einer Pflegestätte des Verständnisses unserer haftenden Gegenwart gegenüber einer geruhigeren Vergangenheit zu machen.

Die Anfangsarbeiten zur Errichtung des Kreisheimatmuseums wurden hauptsächlich von den Herren Landrat Collet, Buch­händler Willi Kalb und dem damaligen Direktor des Kreis­wohlfahrtsamtes, jetzt Regierungsrat Bertsche in Niederlahn« stein in die Wege geleitet. Nach der Ernennung des letzteren zum Vorsitzenden des Arbeitsamtes in Niederlahnstein war 1 es Herr Kreisausechußinspektor Keul, der der Angelegenheit Fortgang verlieh und die Eröffnung des von Walter Kalb ein­gerichteten und ausgebauten Museums im Jahre 1930 ermög-