Ausgabe 
26.5.1967
 
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Abriß der Geschichte des Gymnasiums verzeichnete er ge­wissenhaft die Verdienste, die sich jeder einzelne seiner fünf Vorgänger um das Kaiser Wilhelm-Gymnasium erworben hatte, und mußte sich eingestehen, daß es seit dem Beginn seines eigenen Direkt oriats mit der ihm an vertrauten Schule ständig abwärts gegangen war 0 Zuerst suchte er die Ursache des Niedergangs allein in den Zeitverhältnissen; als sich aber die Verhältnisse seit 1924 langsam konsolidierten, wußte er, daß auch der Stadt ein Teil der Schuld daran zu­kam,, Andererseits war er als Direktor des Gymnasiums doch ständiges "Mitglied des Kuratoriums der Anstalt, indessen Sitzungen der Bürgermeister den Vorsitz führte und wo die Belange der Schule und die Notlage der Stadt einander gegenübergestellt wurden. Er sah also sehr genau beide Seiten und kannte zudem die Gefühle der Bürger, die mit sichtbarem Stolz an "ihrem Gymnasium" hingen, auf die sowohl Er wie der Bürgermeister Rücksicht zu nehmen hatten. Aus diesem Widerstreit der Pflichten beider Parteien erwuchsen Spannungen zwischen der Stadtver­waltung und der Leitung der Schule, die viel Ärger mit­brachten und den Direktor in einem Bericht (1930) zu dem Satz veranlaßten;"Einen solchen Raubbau mit den vor­handenen Kräften kann ich nicht verantworten. Lieber schaffe man das Gymnasium ganz ab!" Hier klingt, noch überlagert und übertönt von dem Ärger, dem er entsprang, ein Gedanke an, der, damals schon wahrgenommen und weiterentwickelt, die ganze Kalamität, in der Stadt und Schule steckten, hätte schnell beheben können; die Verstaat­lichung des Gymnasiums. Aber damals hat wohl niemand diese Möglichkeit gesehen - zum Schaden der Schule; denn ihr Verfall wurde langsam augenfällig und hatte 1937 ge­radezu groteske Ausmaße angenommen.

Es fehlte hier an allem. 4 Klassenräume waren ohne Be­leuchtungsmöglichkeit, im Winter mußte da im Dunkeln unterrrichtet werden. Und dennoch beschwerte sich die Stadt gelegentlich über zu hohen Stromverbrauch, Zur Be­heizung standen Öfen zur Verfügung, die z, Teil innen völlig ausgebrannt, eine ständige Gefahrenquelle darstellten. Die Abortanlagen befanden sich außerhalb des Schul­komplexes, "waren öffentlich für jedermann zugänglich und ohne Wasserspülung, " Das Holz der Fensterrahmen, längst vermorscht, konnte man mit den Händen zerbröckeln. Die Schüler saßen bis zur 8. Klasse auf altmodischen Bänken zu viert in einer Reihe, Noch schlimmer sah es im Physikzimmer aus. Dort bestand die Sitzgelegenheit für die Schüler aus 12, 5 cm breiten Latten, auf denen je 7 in einer Reihe zu sitzen hatten. Über den Unterricht in den Naturwissenschaften wird berichtet" Die Lehrmittel für den physikalischen Unterricht sind so außergewöhnlich kümmerlich, daß Experimente auf der Oberstufe überhaupt nicht vorgeführt werden können. Die "Chemikaliensammlung" besteht aus einer kleinen Anzahl leerer Fläschchen, die gelegentlich die Chemielehrer aus ihren eigenen Mitteln mit den allernotwendigsten Chemikalien füllen. Wenn ein Wärmeversuch durchgeführt werden muß, so pflegt, da Gas nicht vorhanden ist und Geld nicht zur Verfügung gestellt wird, die betreffende Lehrkraft, Benzin oder Spiritus von Hause mitzubringen. " Soweit der Bericht Direktor Kerbers, der im Juli 1937 Nachfolger von Direktor Holtz worde. Kerber h"t für diesen Verfall der Schule seinen Vorgänger verantwortlich zu machen versucht und öfter von "auffälliger", "unverständlicher", "unverantwortlicher" Sparsamkeit gesprochen. Das waren doch alles Vorwürfe oder gar Anwürfe, die lediglich das äußere Erscheinungs­bild der Schule bet r afen, über ihren inneren Wert vermögen sie nichts oder doch nur sehr wenig zu berichten.

Nachteiliges über R. Holtz als Lehrer auszusagen, wäre 1937 unmöglich gewesen. Er hat sich während seiner fast 40-jährigen Dienstzeit nichts zuschulden kommen lassen.

Und auch das Kaiser Wilhelms-Gymnasium hat als Schule unter seinem Direktoriat nur gewonnen, wenn auch der Gewinn aus der Sicht des Jahres 1967 manchmal recht

fragwürdig erscheinen kann. Das eine steht fest; Zu treuen Staatsbürgern einer Republik hat er seine Schüler nicht erzogen, was nach den Erfahrungen, die er per­sönlich mit dieser Staatsform gerade in der Zeit ihres Erstehens gemacht hat, auch kaum zu erwarten war, zu-? mal er nie ein Hehl daraus gemacht hat, daß er sich weder mit der Republik noch mit den in ihr herrschenden Zu­ständen befreunden konnte. So hat er z, B. die öffent­lichen Verfassungsfeiern stets gemieden und sich für sich darüber gefreut, daß sie immer in die "großen Ferien" fielen, (11,8.) Die Vor- bezw. Nachfeiern, die zu ver­anstalten ihm seine Dienstanweisung vorschrieb, ge­staltete er pflichtgemäß "würdig", d,h, in seinem Sinne "Patriotisch aus, aber "ein Hoch auf die Deutsche Repu­blik ist in meinem Gymnasium niemals ausgebracht werden". So hat er wenigstens selbst einmal bekannt. Den schulischen Errungenschaften, etwa dem "Schülerrat" und dem "Schüler­parlament", stand er sehr skeptisch gegenüber, weil er darin eine Gefahr für die Schulzucht sah. Die echten Re­formen, wie sie die "Richardtschen Lehrpläne" brachten, hat er trotz oder gerade wegen der großen Stoffülle fast begrüßt. Als aber das NS-System versuchte, das alte humanistische Gymnasium über die "Oberschule für Jungen" aufzulösen, hat er das für Montabaur zu ver­hindern gewußt, solange er Direktor des Kaiser Wilhelms- Gymnasium war, das man ja als altsprachliches-Humanis­tisches Gymnasium gegründet hatte. Und ein Verdienst müssen ihm auch seine ärgsten Gegner zuerkennen, das er selbst kurz vor seiner Pensionierung so formuliert hat; 'Den Ruf als Refugium (letzte Zuflucht für schwache Schüler) hat die Anstalt durch mich eingebüßt; allerdings bin ich dadurch nicht gerade beliebter geworden". Gerade wegen der hohen Anforderungen, die er an die Schüler zu stellen pflegte, galt R. Holtz in Montabaur als "preußisch". Das alles zusammen hat dann 1937 zu seiner Pensionierung bei­getragen, die freilich r von ihm selbst beantragt, am Ende doch ein "Erfolg" des NS-Systems und seiner Vertreter war.

Zu diesem Ergebnis zu gelangen, ist den meist ungenannten Gegnern des Direktors Holtz nicht leicht geworden, sie brauchten dazu vier volle Jahre; denn die Angriffe gegen Direktor Holtz setzten bereits im Sommer 1933 ein. Die Geschichte dieses Kampfes ist aufschlußreich für die Methoden, deren sich das System und seine Drahtzieher bedienten. Bald nach dem 30, 1, 1933 wurde in allen Dienststellen, Ämtern und Behörden eine personelle "Säuberungsaktion" durchgeführt, so daß in Kassel, im Landratsamt und in der Stadtverwaltung personelle Ver­änderungen eintraten. Im Juli 1933 bestand in der Ab­teilung für Höheres Schulwesen ein "Ausschuß politischer Vertrauensmänner", der in den einzelnen Kreisen be­richterstattende Verbindungsmänner hatte. In diesem Monat ging dort ein Bericnt aus dem Unterwesterwaldkreis ein, der auch über den Direktor des Montabaurer Gymnasiums zu melden wußte. Der Vizeprädident der Abteilung für Höhere Schulen, Dr, Sondag, seit 1927 Dezernent un serer Anstalt und Direktor Holtz durchaus gewogen, schickte den Bericht auszugsweisen mit den dazugehörigen Unter­lagen in Abschrift Dr. Holtz zur Stellungnahme zu. Der damalige Berichterstatter glaubte aus einem nichtigen Zwischenfall, einem Zusammenstoß des Direktors mit einem jungen Kollegen, wie er sich immer wieder er­eignete und von den betroffenen Kollegen gar nicht sehr wichtig genommen wurde, einen für Holtz gefährlichen Schluß ziehen zu müssen. Er schrieb nämlich; "Dieser (R, Holtz) kann sich anscheinend in seinem Alter in den neuen Staat nicht eingliedern"; und die Kommision war dann sogar der Ansicht " daß eine Untersuchung mit dem Ziele der Anwendung des § 5 des Gesetzes zur Wiederher­stellung des Berufsbeamtentums gegen den Direktor Holtz angestellt werden " müsse, was, aus der Sprache der Juristen in verständliches Deutsch übersetzt, schlicht; "Ent - fernung aus dem Dienst" bedeutete, Fortsetzung folgt!

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