Geldquelle Nr. 4 ist der Kindergarten. Mein sehr geschäftstüchtiger Kirchenvorstand - 5 Kaufleute und 1 Lehrer - macht selbst aus so einer zuschußbedürftigen Einrichtung wie einem Kindergarten, in Deutschland eine erhebliche Belastung für jede Gemeinde, ein gewinnbringendes Unternehmen. Der moderne, großzügig gebaute "Deutsche Evangelische Kindergarten" ist der einzige Kindergarten der Stadt. Mit seinen zwei auf Zeit aus Deutschland gekommenen Kindergärtnerinnen und einer Hilfskraft, seiner schönen und reichlichen Ausstattung und Einrichtung übt er die größte Anziehungskraft auf alle Bevölkerungsgruppen aus. Katholiken, Anglikaner und Garnichtse, Deutsche, Engländer und Buren, alle drängeln sich, um einen freien Platz zu erwischen. Amtliche Platzzahl des Kindergartens:
65; zur Zeit besuchen 70 Kinder unseren Gemeindekindergarten. Die Warteliste weist mindestens noch einmal die gleiche Zahl auf. Und das bei monatlichen Gebühren von 5, -- Rand = 28 DM, wenn das Kind nur vormittags kommt. Ganztägige Betreuung kostet 8,50 Rand = 43 DM. Mit den Zuschüssen, die die Administration in Windhoek'gewährt, bringt das einen nicht zu übersehenden Reingewinn.
5) Basar und Braaivleis! Das sind die Höhepunkte im Leben der Gemeinde, ebenso erstaunlich wie seltsam. Anfang August letzten Jahres haben wir unseren Kirchenbasar abgehalten. Wochenlang vorher schon nähten die Frauen Schürzen und Kinderkleider, strickten Topflappen und Babyschuhe. Sammler gingen zu den Geschäften und erbaten Süßigkeiten, Haushaltsgeräte und Spielsachen. Andere klapperten die Fabriken ab und baten um Geldspenden. An einem Samstagnachmittag war es dann soweit. In der Kirche, die zugleich als Gemeindesaal dient, waren Verkaufs- und Kaffeetafeln aufgebaut. Jung und Alt, evangelisch oder nicht, Deutscher oder Afrikaner strömten herbei. Man bezahlte' und verzehrte den selbstgebackenen und gespendetem Kuchen, wühlte im Kleiderstand, kaufte den Kindern Spielzeug, hatte seinen Spaß bei der amerikanischen Versteigerung und nahm mir in einer halben Stunde meine 250 selbstgedrehten Lose zum Stückpreis von umgerechnet einer Mark ab. Alles in allem: jeder ließ es sich etwas kosten und freute sich. Nettogewinn für die Gemeinde:
DM 3. 700, --.
Anfang November fand dann das Braaivleis statt. Braaivleis, das ist des ISüdwesters Himmelreich, der höchste der Genüsse, ohne den das Leben gar nicht denkbar ist. Auf Deutsch heißt es einfach "Bratfleitch" und ist nichts anderes als Schweine-, Hammel- und Ziegenkoteletts im Freien auf dem Rost üben; Holzkohle gebraten. Doch auf das Wie kommt es an. Jeder hat sein Geheimrezept, nach dem '.er das Fleisch würzt und vorher "einlegt". Als Holz darf nur Kameldornholz verwendet werden. Das gibt den besonderen Geschmack. Schlagen infolge des herabtropfenden Fettes Flammen hoch, dürfen diese nur mit Bier gelöscht werden; was ich allerdings für einen Aberglauben halte. Leitungswasser tut’s auch. Doch "Braaivleis" ist eben ein besonderer Kult. Will man dem Gast etwas Außergewöhnliches (und damit hier schon Gewöhnliches) bieten, wird im Hof oder auf der Terasse Braaivleis gemacht. Lagert man beim ganztägigen Sonntagsausflug in der Wüste, gibt es Braaivleis. Soli der Besucher aus Übersee echte Südwester Art erleben, muß er ein Braaivleis mitmachen. Womit füllen Kirchengemeinden, politische Parteien, Wohlfahrtsverbände und Vereine am erfolgreichsten ihre Kassen? Natürlich mit der Veranstaltung eines Braaivleises. So ist es Braaivleis und kein Ende. Es müßte einem zum Halse heraushängen, wenn es nicht wahrhaft köstlich .schmecken würde. Deshalb muß ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, bekennen:
Seit ich in der weiten Einsamkeit der Wüste oder unter glitzerddem Sternenhimmel oder inmitten des Gedränges fröhlicher Menschen oder am Strand beim Rauschen der Brandung und dem Schreien der Möwen Braaivleis gegessen habe, mag ich kein Kotelett aus der Pfanne mehr.
Nun zu unserem "Deutschen Ev. -Luth. Braaivleis!"
Auf dem Hof hinter der Kirche hatten wir ein großes Bierzelt aufgebaut. Eine Kapelle spielte "Warum ist es am Rhein so schön?" Die halbe Gemeinde war beschäftig^:.-. Fleisch braten und verkaufen, Kartoffelsalat und Würstchen anbieten, Kaffee ausschenken, Bier zapfen, den Schießstand in Betrieb halten. Das größte Gedränge herrschte natürlich vor der Bar. Die machte auch den höchsten Umsatz. Es war urgemütlich. Da die Afrikaaner so etwas nicht mögen, blieben sie weg, und die Deutschen waren unter sich. Es wurde eifrig geschunkelt, und selbst die ältesten Herrschaften konnten sich nicht entschließen, nach Hause zu gehen. Da um Mitternacht jedoch der Bierhahn zugedreht wurde, ist niemand unangenehm aufgefallen. Noch heute spricht alles begeistert von diesem Braaivleis. "Nur schade, Herr Pastor, daß Sie so früh Zapfenstreich befohlen haben. Wir waren so schön in Stimmung". Nun, das habe ich gemerkt. Zwar gab es nach Mitternacht nichts.; mehr zu trinken. Um 0.30 Uhr wurde das Licht gelöscht.
Trotzdem stand um 1.30 Uhr immer noch ein Grüppchen Unentwegter beisammen und sang; von "Der Mond ist aufgegangen" über "Wir lagen vor Madagaskar" bis "Wir kämpfen für Adolf Hitler". Ach ja, dieses ■sonnige, weite, trockene Südwest, in dem die Zeit solleicht stehen bleibt.
Wo in der Namib sich dei Reifenspuren der Autos 30 Jahre und länger halten, wo die Alten noch Kaisers Geburtstag feiern und die'Jungen den Mann mit dem Bärtchen immer noch für den größten Deutschen halten. Schade, daß es damal 1939 mit der Machtergreifung ih Südwestafrika nicht geklappt hat!
Zum Abschluß noch etwas über die Gebäude der Gemeinde. Kindergarten, Kirche und Pfarrhauslliegen in einer Front. Vom Kindergarten war bereits die Rede. Die Kirche ist 1958 eingeweihn worden. Von außen sieht sie nicht besonders aus, eher wie eine Scheune. Der Frontgiebel ist nach einer Seite hin hochgezogen, damit ein Glockenstuhl darunter Platz hat. In ihm hängt eine ehemalige Schiffsglocke, deren Gebimmel nur im engstenUmkreis um die Kirche zu hören ist. Ein Holzkreuz, das über den First hinausragt, macht das Ganze als Kirche erkenntlich.
Das Kircheninnere ist gleichfalls nicht sehr ansprechend.
Der Architekt hat halt zuviel darin unterbringen wollen: den gottesdienstlichen Raum, Gemeinde-, Theater-- und Kinosaal. So ist dieser Raum alle s und nichts. Aus der Ostseite des Kirchensaales führen sechs Stufen zur Bühne empor, in deren Hinter prund der Altar steht. Im Bedarfsfälle kann der hinter einem Vorhand verschwinden. Unten sitzt dann, weitab und ohne sich um die Plätze streiten zu müssen, die Gemeinde bequem auf 60 Stahlrohrstühlen. Bei der Predigt kommen wir uns etwas näher, da das Kanzelpuit bis zu den Treppenstufen herangerückt werden kann. Bloß hat dann der arme Prediger die große weiße Westwand vor Augen. Sie dient als Projektions fläche für Lichtbilder- und Filmabende. Ist also nicht das Kennzeichen und Glaubensbekenntnis der Gemeinde.
Immerhin, wenn auch der Kirchenraum nach allem Möglichen aussieht, so ist doch auch alles in ihm möglich; Gottesdienst, Gemeindebasar, Weihnachtsfeier für die Alten und für den Fußballverein, Konfirmandenunterricht und Jungschar, alle Monat ein Filmabend und Vorträge, etwa für die Mitglieder der "Deutschen Elternschaft".
Womit dann schon rein äußerlich die Bedeutung unserer Kirche für die Erhaltung und Pflege deutscher Kultur und Wesensart im Ausland erwiesen wäre. Davon ist auch jedermann überzeugt. Nur ich habe Schwierigkeiten, mich in die Rolle eines "Ortsgruppenleiters für das Deutschtum im Ausland" hineinzufinden. Ich verstehe mich halt nur auf das Evangelium und das gilt doch aller Welt, allen Rassen und Völkern in gleicher Weise und ohne Unterschied. Wenn dabei dann noch etwas für die "Kultur" der eigenen Volksgenossen abfällt, so'l’l’s mir recht sein. Man darf bloß nicht die Rangfolge umkehren und sein Deutschtum über
- 61 -

