die Frauen der "Blaauwrokkies" im Straßenbiid von Waivis Bay. Sie tragen Kleider und Hüte von "himmlischem Blau".
Das genaue Gegenteil von dem allen sind die englischen Glaubensgemeinschaften: Anglikaner, Methodisten und Baptisten. Unbekümmert um ihre kleine Zahl, da der stete Zuzug von Afrikaanern und, mit einigem Abstand, Deutschen, sie immer «mehr in die Minderheit geraten läßt, und gegen allen Argwohn und alle Verdächtigungen, mit denen die beiden anderen Sprachgruppen ihren "Liberalismus" betrachten, gehen sie ihren Weg und leben sie ihren tätigen Glauben. Ihre Weltoffenheit sticht ebenso wohltuend von dem verbissenen Konservativismus der Buren, wie ihre Vornehmheit von der plumpen Gewöhnlichkeit der Deutschen ab. Die "englischen" Reverends sind lustige, junge Burschen. Rev. Griffith ist mit seinen 1.90 m ein richtiger schlacksiger Ami. Rev. Banyard, der Seemannspastor, gewinnt einen mit seinem trockenen Humor auf Anhieb. Rev. Broocks, der Methodist, ist ein bekannter südafrikanischer Ringer und wird darum der "wrestling parson" genannt. Die Offenheit und Freundlichkeit dieser dfei ist auch ihren Gemeindegliedern eigen.
Mit einem Satz: "Stur sind hier allen anderen, bloß nicht die Engländer. "
Das Bemerkenswerteste an den Katholiken ist ihr Priester,
Pater Morgenschweis aus Siegen. Dieser vergnügte alte Herr von 70 Jahren ist seit Anfang der zwanziger Jahre in Waivis Bay. Eine Gemeinde, die zu betreuen gewesen wäre, war damals noch nicht vorhanden. "Der Pater", wie er allgemein genannt wird, war vielmehr für Entladung und Weiterbeförderung des für die Missionen am Okavango (einem Fluß im Nordosten von Südwest) bestimmten Frachtgutes verantwortlich. Im Laufe der Zeiten bekam Waivis. Bay auch seine kleine katholische Gemeinde. Bei nur etwa 5. 000 weißen Katholiken im Land ist sie natürlich auch heute noch klein. Erst jetzt, wo die spanischen Fischfangboote den Hafen anlaufen und sich immer mehr Portugiesen hier niederlassen, wächst sie ein wenig, und der Pater ist ganz glücklich, "weil nun auch mal welche werktags zur Messe kommen". Umso beachtlicher ist der Einfluß, den Pater Morgenschweis besitzt. Doch schließlich ist er ja lange genug in der Stadt. Er kennt jeden und weiß alles. Ihm kann niemand etwas vormachen.
Über die verschiedenen bekannten und unbekannten Sekten ist wenig zu berichten. Man begegnet ihnen kaum. Allenfalls fallt einem bei einem Hausbesuch ein "Wachtturm" ins Auge, den ein Zeuge Jehovas dagelassen hat.
Bleiben nur noch die Deutschen. Das heißt, die Deutsche Ev. -Luth. Gemeinde. Das ist beides fast dasselbe. Einmal, weil über Dreiviertel des deutschsprechenden Landesbewohner der Deutschen Evangelisch'-Lutherischen Kirche in Südwestafrika angehören oder sich als dazugehörig betrachten, zum andern, weil auch heute noch die Masse der .Einwanderer aus dem evangelischen Norddeutschland kommt. So werden "deutsch" und "lutherisch" geradezu als Synonyma gebraucht. Ein Pfarrer behauptete einmal etwas bitter: "Wir Deutschen sind Lutheraner, weil Luther auch deutsch geredet hat. Mehr ist vielfach nicht dahinter. " Ich bin einfach "der deutsche Pastor. "
Wie groß nun meine Gemeinde ist, läßt sich nur annähernd sagen. Ich rechne mit 550(eingetragenen Gemeindegliedern und 160 "Veilchen", die im Verborgenen blühen. Eine Gemeindekartei war bei meinem Einzug nicht vorhanden. So suche ich mir meine Leute mühsam zusammen.
Kirchensteuer ist unbekannt. Gutwillige, oder solche, die eine Amtshandlung begehren und somit erwischt werden, tragen sich in die Liste, der zahlenden Mitglieder der Gemeinde ein. Ein Einwohnermeldeamt, wo man Erkundigungen einholen könnte, gibt es nicht. Das wird zwar allgemein als Beweis der herrlichen Südwester Freiheit hochgerühmt - mit einem gehässigen Seitenhieb
auf den angeblichen Zwang in Deutschland -, doch Pfarrer und Geschäftsleute sind die Leidtragenden. WiE findet man einen in diesem großen Land? Etwa, wenn esium Erbschaftsangelegenheiten geht? Oder: die Post wirft alle unzustellbaren Briefe, die offensichtlich an Deutsche adressiert sind, in mein Postfach. Der deutsche Pastor wird schon wissen, wo die Leute wohnen! Und erst die armen Geschäftsleute! Cash - Barzahlung ist selten. Es wird überall angeschri eben, und zum Monatsende kommen dann die Rechnungen ins Haus. Mit der ersteiRat, den mir unser Landespropst erteilte, als er zu meiner Einführung in Waivis Bay weilte, war: "Hier müssen Sie anschreiben lassen, sonst sind Sie kein angesehener Mann. Ihr Name muß in der Kunden- kartei stehen." Also lassen wir anschreiben'; vom Bäcker über die Tankstelle zum Zeitungshändler. Mancher "angesehene Mann" jedoch verschwindet plötzlich auf Nimmerwiedersehen, und dann kann der Kaufmann sich seine Außenstände selber anschreiben.
Damit wären wir beim Geld, und über die Finanzen der Gemeinde lohnt es sich wahrhaftig zu berichten. Das ist sogar ausgesprochen unterhaltsam.
Da die ebenso einträgliche wie bequeme Einrichtung der staatlichen Eintreibung der Kirchensteuer durch das Finanzamt unbekannt ist, muß jede Südwester Gemeinde selbst und imühsam Zusehen, wie sie zu ihrem Geld kommt. Ohne den schnöden Mammon geht es nun mal nicht, und der Pfarrer will schließlich auch leben. Wie nun füllt die Gemeinde ihre Kasse? Der Phantasie und dem Unternehmungsgeist sind da keine Grenzen gesetzt. Was unsere Gemeinde betrifft, so lassen sich neben "Sonstigem" wie Spenden, Kollekten,, Filmveranstaltungen besonders 5 Häupteinnahmequellen nennen.
1) Mitgliedsbeiträge. Ob Rentner oder Millionär, es zahlt jedes eingeschriebene Mitglied im Monat einen Rand =
DM 5,60. Denen, die meckern, kann man nur immer wieder sagen: "Was habt Ihr ein Glück, daß das Finanzamt der Bundesrepublik nicht an Euch rankann. "
2) Gebühren für Amtshandlungen. Taufe und Konfirmation kosten 4 Rand.
Sterben ist teurer. Die Beerdigung kostet 6 Rand. Am teuersten kommen die Hochzeitsfreuden zu stehen; je nach Aufwand und Stellung der Brautleute 6 bis 10 Rand.
Und die müssen bezahlt werden, sonst wird später das Kind nicht getauft. Doch im Ernst, bis jetzt sind diese Gebühren noch immer willig entrichtet worden. Mancher gab sogar mehr.
3) Zuschuß des Außenamtes der EKD; etwa in Höhe meines Gehaltes. Dieser Posten gibt immer wieder Anlaß zu heftigen Zusammenstößen. Die Liebe zur Bundesrepublik, der man ihre Entwicklungsmillionen vorwift, ist nämlich bei den Südwester Deutschen nicht sonderlich entwickelt. "Man müßte halt schwarz sein, dann bekäme man
Geld in Bonn"! Die Sympathie für Schwarzafrika ist eben nicht groß.Die Berichte Von blutigen Revolutionen in den jungen Staaten des Kontinents machen das verständlich, zumal die Hintergründe und die Versäumnisse der ehemaligen .Kolonialmächte nicht erkannt werden wollen.
Die gelegentlichen, zuweilen gestellten Bildberichte der deutschen Illustrierten über Südafrika vermehren den Ärger über das ehemalige Vaterland. So wird weidlich auf die Bundesrepublik geschimpft. Da es aber ein gewaltiger Unterschied ist, ob ich als Staatsbürger meine Regierung kritisiere, oder ob ein Ausländer, mag er auch mal Deutscher gewesen sein, mein Vaterland - sei es, wie es wolle - angreift, so werde ich zuweilen recht heftig. "Was denkt Ihr denn, wer Euch den Pfarrer bezahlt? Von Eurem klumpigen Rand könnt Ihr Euch bestimmt keinen leisten?
Und wie ist das mit den deutschen Privatschulen im Land?
Für Millionen DM gebaut. Das Geld nehmt Ihr und tut doch nichts wie meckern. " Vaterlan^sjji e b e . uhd Nationai- stolz wachsen wohl mit zunehmender Entfernung von der Heimat!
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