Ausgabe 
3.3.1967
 
Einzelbild herunterladen

Verehrung, die Josef Kehrein von der Bevölkerung der Stadt und auch der weiteren Umgebung bezeigt wurden.

Es lag in seiner Bestimmung und war wohl auch der Lebens­wunsch Lehreins, daß er bis zu seinem Tode in seinem Amte tätig sein konnte. Er hatte ein rasches Sterben, Bei einer äuswärtfgeniSchulprüfung am 21, März 1876 wurde er von einer Lungenentzündung gepackt, an der er vier Tage später, am Feste Mariä Verkündigung, im Alter von 68 Jahren starb. Dieses einfache, von restloser Arbeit erfüllte Leben; dieses große, von Opferbereitschaft be­seelte und sich ganz verschenkende Herz; dieser reine, auf die höchsten Werte gerichtete Wille - das ist etwas, das unsere Herzen mehr berührt; denn das ist auch uns zugäng­lich und ist auch unser Sehnen, Dieses einfache Leben mit seiner unermüdlichen Aktivität; das den Mitmenschen geöffnete und ihnen Antwort gebende Herz; dieser ge - läuterte Wille sind das Allgemeingut, dessen Besitz uns erst die rechte Menschenwürde gibt und zu dem uns Josef Kehrein Mehrer und Helfer sein kann und sein will.

Mir bleibt noch die Aufgabe, auf zwei Wesenszüge Josef Kehreins einzugehen, die einmal nach dem Grad ihrer Stärke den relativen Lebenswert jedes einzelnen Menschen bestimmen, zum anderen aber auch für jeden Einzelnen das Maß für die eigne Menschenwürde sind. Das ist einmal das Verhalten zu Gott und zun! anderen das Verhalten zum Mitmenschen und auch zu sich selber. So fordert es die dreidimensionale Lebensordnung, die nach oben auf Gott, nach den Seiten auf die Mitmenschen bezogen und nach unten in die Tiefe des eigenen Herzens gerichtet ist.

Wegen ihrer unmittelbaren Bedeutung für die Gegenwart sollen das religiöse und das soziale Element im Wesen der Persönlichkeit Josef Kehreins noch erörtert werden.

Der Lebenslauf Kehreins zeigt, daß er den Schwierigkeiten des Lebens nicht ausgewichen ist; er hat nicht den beque­men Weg gesucht. Materielle Not beugte ihn nicht; sie stählte seinen Willen. Das gab schon dem jungen Menschen sein " Gesicht und gewann ihm das Wohlwollen seiner Lehrer und die Förderung durch andere Gönner. Seine Widerstands­kraft und sein Lebensmut wurzelten in einem unerschütter­lichen Gottesvertrauen. Wäre dies in uns nur annähernd stark lebendig, dann wäre unser Leben leichter. Wir fühlten uns nicht hinausgehängt über einen bodenlosen Abgrund und wären nicht immer in.nder Angst, hilf- und gnadenlos in ihn abzustürzen.

Josef Kehrein war religiös- weltanschaulich ein in sich ge­schlossener Mensch. Für ihn war kein Problem was dem, existenzialistischen Philosophen Martin Heidegger als die vordringliche , ja entscheidende Aufgabe der Erziehung in unserer 'Zeit erscheint. Statt der seither als Erziehungs­ziel gesetzten Bildung fordert er als neues Ziel die Be­sinnung; denn mit der üblichen Bildung, wie sie durch Dar­bietung alten Bildungsgutes gewonnen wird, sei es dem modernen Menschen n icht möglich , zur Klarheit über sich selber und über sein Verhältnis zur Welt zu kommen.

Nur die Besinnung verhelfe ihm zur Erkenntnis seiner selber, seines Wertes oder Unwertes , und damit auch zu der Er­kenntnis der ihm möglichen Stelle im Leben und zur rechten Erkenntnis der Welt, Wie gesagt, war das für Kehrein kein Problem. Für ihn waren die Begriffe Bildung und Gesinnung untrennbar miteinander verbunden; eins ohne das andere war unmöglich. Echte Bildung umfaßt eben nicht nur den Geist, sondern auch die Seele. Sie ist aus der Tiefe gewachsen und ruht auf religiösem Grund, auf dem allein fester Halt und Sicherheit gegeben sind. Josef Kehrein kannte noch den Weg und ging ihn, der uns in der Unrast unserer Tage nur noch von ferne leuchtet:

Von der ratio über die contemplatio zur oratio.

Von dem Denken über die Besinnung zum Gebet.

Das war das Erbe aus dem frommen Elternhaus, das durch das religiöse Leben in der kleinen Heimatgemeinde ge­nährt und im Bischöflichen Gymnasium theoretisch unter­baut und praktisch gehärtet wurde. Er war zeitlebens ein

ganzer Katholik, der nicht nur mit dem Munde bekannte,! sondern in all seinem Tun seinen Glauben auch verwirk­lichte.

Es sei noch hingewiesen auf das von ihm verfaßte reli- giöse Schrifttum: :

Die katholischen Kirchenlieder, Das Hilfsbüchlein zur Erklärung kirchlicher Ausdrücke, Das Ratet noster und Ave Maria, Die lateinischen Sequenzen des Mittelalters.

Es sei auch hingewiesen auf seinen Kampf gegen die De- * magogie im Jahre 1848, wo es nicht nur die staatlichen 3 Belange, sondern auch die Rechte der Kirche verteidigte. * Und es sei ebenso hingewiesen auf seine erfolgreiche Mittler- i tätigkeit in dem Kirchenstreit zwischen der Herzoglich }

nassauischen Regierung und dem hochwür digsten Herrn f

Bischof von Limburg. _ j

Der Verfasser der Festschrift von 1901 hebt rühmend hervor, | daß im .Löben Josef Kehreins in jeder Zeitepoche seines 1 Wirkens, ob als Staatsbürger, ob als Familienvater oder j als Erzieher und Lehrer und Schriftsteller immer das Wort des I alten Dichters Gleim beachtet und erfüllt war: f

Erzfeind von allem Heuchelschein, sei jedem Auge, was du bist.

Man muß in aller Augen sein, was man in Gottes Auge ist.

Angeboren war Josef Kehrein auch die soziale Verhaltens- f weise. Er hat nie vergessen, daß er selber aus der Tiefe | gekommen ist. Die Verpflichtungen gegenüber den soziolo- | gisch tieferen Schichten brannten ihm in der Seele. Er ]

selber hatte mit seiner natürlichen Begabung und der ihm j gewordenen übernatürlichen Begnadigung eine hohe Sprosse j auf der Leiter der Bildung ersteigen können. Das war ihm f mehr Herzenssache als nur Pflicht, all denen, die im Hause j der Bildung noch in dunklen Gewölben gehalten wurden, ; den Weg zur Höhe und zum Licht zu bahnen. Er wußte, daß geistige Bildung und gute Moral die Arbeitsleistung i bessern und steigern und die Einnahmen erhöhen und die Lebenshaltung auch der breiten Masse des Volkes heben. : Hierzu zu verhelfen, war eins der Ziele des Direktors;

und Lehrerbildners. In weltanschaulicher Hinsicht und in seinen pädagogischen Maßnahmen baute er auf dem Wirken | und den Lehren des BLschofs Michael Sailer auf, der in |

seiner überragenden pädagogischen Bedeutung leider auch j in unserer Zeit noch nicht die verdiente Würdigung ge- f

funden hat. Indem er auf Sailer und nicht auf Pestalozzi f

faßte, blieb Kehrein in gleicher Reihe mit anderen Bahn- \

brechern sozialen Lebens und Fortschritts seiner Zeit, die sich in ihrer Arbeit nicht auf die Besserung der äußeren, ; materiellen Verhältnisse beschränkten, sondern sich mehr noch der sittlich-religiösen Gesundung und Erneuerung i

als unentbehrlicher Voraussetzung jeder sozialen Reform

befleißigten. i

Die wirtschaftliche Not der vierziger Jahre, die Kehrein am eigenen Leibe verspürte, hatte eine gewaltige Aus­wandererwelle nach dem mittleren Westen der Vereinigten 1 Staaten getragen. Marx und Engels hatten 1847 ihr kommu­nistisches Manifest wie eine Brandfackel in die Welt ge­worfen. Aber schon in den Jahren vorher, aber auch nach­her, waren andere Männer und Frauen am Werk, die nicht nur mit Worten, sondern mit aufreißenden Taten die sozialen Mißstände bekämpften und positiv zeigten, wie man den Stiefkindern der Gesellschaft das Leben menschlicher ge­stalten und wie man der inneren Befriedigung dienen kann.

Ich erinnere an Hermann Wiehern, der 1833 in dem " Rauhen Haus " bei Hamburg verwaisten und verwahrlosten Kindern ein Heim schaffte und dann einige Jahre später das " Rauhe Haus " zu der " Brunnenstube der Inneren Mission " und ihrer Rettungsanstalten machte. 1844 richtete Don Bosco in Turin rsein erstes Oratorium ein, eine Heimstätte für ver­wahrloste und straffällig gewordene Jugendliche. Kaplan Kolping gründete 1846 in Elberfeld den ersten Gesellschafts­verein und begann damit zugleich das Werk der Erneuerung der christlichen Familie. Und in unserer engsten Heimat