Ausgabe 
3.3.1967
 
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kein Unterhaltszuschuß gezahlt wurden, blieb die wirtschaft­liche Not nach wie vor. Gute Einnahmen aus Privatstunden und eine in Aussicht gestellte Vergütung für seine dienstliche Tätigkeit ermutigten ihn, 1836, im Alter von 28 Jahren , sich mit Elisabeth Holz vom Wachholderdorf bei Erbach im Rheingau zu verehelichen.

Wiederum verfolgte ihn das wirtschaftliche Mißgeschick.

Eine länger dauernde schwere Erkrankung machte jeden Pri­vatunterricht unmöglich und auch die erwartete staatliche Vergütung wurde nicht gewährt. Das war ein bitterer Anfang für die junge Familie. Monate hindurch w-ar sie ganz auf die Unterstützung durch die Eltern der jungen Frau ange­wiesen. Man kann verstehen, daß auf diesen schweren An­fang hin Josef Kehrein fortan immer besorgt blieb, seine Familie finanziell zu sichern und daß er dieserhalb immer viel zusätzliche Arbeit auf sich nahm. Das will aber nicht besagen, daß er nicht auch unentgeltliche ehrenamtliche Tätigkeit in reichem Maße ausübte. So war er schon in der Notzeit der ersten Dienstjahre als Mitglied des " Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Altertümer" eifrig tätig und hielt eine Reihe von Vorträgen.

Von Darmstadt führte ihn nach einem Jahre sein Amt an das Gymnasium in Mainz und von hier nach achtjähriger Tätig­keit als Prorektor an das Gymnasium in Hadamer. Es war der Regierungsrat Seebode, lange Zeit Leiter des nassauischen Schulwesen in Wiesbaden, der ihn dorthin holte. Er hatte einzelne seiner Bücher und Aufsätze gelesen, auch Vor - träge gehört und ihn so schätzen gelernt. Nassau war Schritt­macher in der Entwicklung des Schulwesens der damaligen Zeit. Volksschule, wie höhere Schule und Berufsschule erfreu­ten sich des besonderen Interesse der nassauischen Fürsten und ihrer Regierung und erfuhren reiche Förderung. In die nassau- ische Volksschule war schon früher ein u. mehr alsi.d; Schule eines anderen deutschen Landes der Geist Pestalozzi einge­zogen. Nur am Rande sei vermerkt, daß auch für Preußen ein Nassauer es war - der Freiherr vom Stein -, der veranlaßte,, daß begabte junge Menschen nach Ifferten zu Pestalozzi ge­schickt wurden, um dort für den Aufbau einer neuen Schule und einer neuen Volksbildung vorbereitet und begeistert zu werden. In Nassau war es Johannes de Laspde, der dem Geist und den 'Reformen Pestalozzi den Weg öffnete. 1783 in Johannisberg i. Rheingau als Sohn eines armen Maurers geboren, wurde er zunächst auch Maurer, fand bald aber die Möglichkeit geistiger Ausbildung und Beschäftigung.

Als ihm mehrere Familien den Anfangsunterricht für ihre Kinder übertrugen und einer der Väter ihm die Schriften des großen Schweizer Pädagogen gab, war de Laspdes Leben die Bahn gewiesen. Der Idealismus, der .aus . den Werken Pestalozzis strömte, traf eine gleichgestimmte Seele. Der Nassauer wurde in Ifferten der Lieblingsschüler des Schweizers und blieb es bis zum Tode. Er schuf in Wiesbaden eine private Elementarschule, die zur Mutter­schule für die gesamten Volksschulen Nassaus wurde. Bei ihm hat Ibell der große nassauische Staatsmann und Schöpfer der nassauischen Schulorganisation, den Geist der neuen Schule kennen gelernt. Er war davon so gepackt,daß er schon 1810 in einem Vortrag im Ministerium erklärte, daß " keine Regierung, die den Anspruch auf Humanität mache, säumen dürfe, die Pestalozzi'sehe Unterrichts­methode in ihre Volksschule einzuführen." Den Worten folgte die Tat, und auch in der Folge blieb die herzoglich^ nassauische Regierung bemüht, ihre Schulen zu entwickeln und die tüchtigsten Männer dafür zu gewinnen. So wurde auch Josef Kehrein nach Hadamar gezogen. Nur ungern trennte sich Kehrein von Heimat und Freunden in Mainz, letztlich nur bestimmt von der Rücksicht auf seine Familie und deren wirtschaftlichen Besserstellung. In dem kleinen Hadamar entfaltete er die gleiche segensreiche Tätigkeit wie in der großen rheinischen Stadt. In den ersten Jahren blieb sein Wirken auf Schule und Studierstube beschränkt.

Das Revolutionsjahr 1848 drängte ihn auch auf das politische Kampffeld. Sein Auftreten gegen die demagogische Ver- j

hetzung der Bürger und Bauern: als Versammlungsredner, als Gründer und Leiter eines konservativ ausgerichteten Tage - blattes, des- Nassauischen Zuschauers" als Mitbegründer eines christlichen Lesevereins und des Piusvereins - all das sicherte ihm den Dank der herzoglichen Regierung und gewann ihm die Freundschaft des Erzherzogs Stephan Viktor. In letzterem hatte er dadurch den Freund gewonnen, der fortan seine literarischen Arbeiten und auch seine persönlichen Angele­genheiten förderte, wo immer er nur konnte. Das Wohl­wollen der Regierung fand 1855 seinen Ausdruck mit der Be­rufung Kehreins zum Direktor des Katholischen Lehrer - seminars in Montabaur. Er selber hatte 1848 in einer Ver­sammlung der nassauischen [Lehrerschaft in Wiesbaden ge­fordert, daß die Ausbildung der Lehrer in konfessionellen Seminaren erfolgen müsse. So hat er die Bewegung in Fluß gebracht, die aus dem simultanen Lehrerseminar in Idstein das katholische in Montabaur und das evangelische in U - singen entstehen ließ. Er hatte richtig erkannt und auch mannhaft vertreten, was auch unsere Überzeugung ist, daß konfessionelle Lehrerbildung immer erwünscht, daß sie aber unbedingt notwendig ist, wenn die Volksschulen simul­tanen Charakter haben. Das ist eine Forderung, die auch in der Verfassung von Rheinland-Pfalz gesetzlich verankert ist.

Die freie Stellung als Seminardirektor entsprach ganz Kehreins Wünschen'- weitere Beförderungen lehnte er fortan ab.

Zwanzig Jahre hindurch hat er in Montabaur einen äußerst segensreichen Einfluß auf die Ausbildung und die Wirksam­keit der katholischen Lehrer in Nassau ausgeübt. Seine Zöglinge bewährten sich als tüchtige Erzieher und Lehrer und blieben auch in der Kulturkampfzeit weltanschaulich linientreu. Der Geist Josef Kehreins war noch Jahrzehnte nach seinem Tode spürbar. Wenn das Amt des Seminardi - rektors ihm auch eine Fülle von Verwaltungsaufgaben brachte und ihn auch unterrichtlich auf neue Wege verwies, blieben ihm dennoch Zeit und Kraft für seine schrift - stellerische Tätigkeit, jetzt meist auf pädagogischem und methodischem Gebiete. So außerordentlich stark war die Vitalität dieses Mannes, daß er neben seinem Hauptamt noch das Amt des Kreisschulinspektor von Montabaur und Umgebung versah; daß er länger als 10 Jahre unentgeltlich auch die Stelle des Rektors der damaligen Realschule, des heutigen Gymnasiums, in Montabaur verwaltete, und auch noch den pädagogischen und literaturkundlichen Unterricht an dem mit der alten Selekta der Armen Dienstmägde Jesu Christi verbundenen Lehrerinnenseminar gab. Eine Fülle von Ämtern und Aufgaben ! Auch wenn man weiß, daß vor 100 Jahren der Verwaltungsbetrieb wesentlich einfacher verlief, daß es keinen Bürokratismus, keine ins feinste ..verästelten In­stanzenzüge, auch nicht peinlich genau abgegrenzte und eifersüchtig bewachte Zuständigkeiten gab, steht man doch in Ehrfurcht vor der Arbeitsleistung dieses Mannes und vor dem Mute seiner Verantwortlichkeit. Es war bei ihm kein Prunken mit Ämtern und auch kein stöhnendes Prahlen mit Über - lastung. Was er immer übernahm, waren ihm reale Aufga­ben, denen er mit selbstverständlicher Hingabe diente.

Als Mensch und als Beamter stand er in vorbildlicher Weise seinen Mann. Was er als Mensch gegeben, das dankten ihm vor allem seine Schüler. Sie gedachten seiner lange über seinen Tod hinaus mit Verehrung und Liebe. Seine Tätigkeit im öffentlichen Leben wurde mit höhen Auszeichnungen gelohnt. Papst Pius IX. ernannte ihn 1865 zum Ritter des St. Gregorius- Ordens. Bischof Dr, Peter Josef Blum beehrte ihn mit seinem besonderen Vertrauen und sprach ihm wiederholt mündlich und schriftlich seine höchste Anerkennung aus. Herzog Adolf von Nassau überreichte ihm eigenhändig gelegentlich seines Besuches des Lehrerseminars in der Weihnachtszeit 1865 vor versammelten Lehrern und Schülern das " Ordenskreuz des Militär- und Civilordens Adolf von Nassau" als Anerkennung treuester Diensterfüllung. Der alte Kaiser Wilhelm verlieh ihm 1872 den Roten Adlerorden. Von dem Bürgermeister der Stadt Montabaur wurde ihm am Neujahrstag 1873 der Ehren­bürgerbrief überreicht in Anerkennung der hohen Achtung und

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