Ausgabe 
3.3.1967
 
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Ist dieses Mehr in dem Pädagogen, in dem pädagogischen Schriftsteller gegeben ? Das liegt uns unstreitbar näher-, denn hier geht es bei ihm wie bei uns um die lebendige Formung des ganzen Menschen, hier geht es um die Entfaltung durch Führung und Bildung, die die Menschenkinder zu arbeits­fähigen und arbeitswilligen Gliedern der Gemeinschaft und zu Kindern Gottes machen will. Diese Kunst selber zu üben und andere damit anzuleiten, gute Erzieher und Lehrer zu werden, war die besondere Aufgabe des' Seminardirektors und Kreisschulinspektors Josef Kehrein. Hier leuchtete bei ihm schon eines auf, das auch heute für uns noch Anfang und Ende alles erzieherischen Tuns ist, die Erkenntnis des überragenden Wertes der Persönlichkeit. Das Wort Kehreins hat unverändert Gültigkeit behalten: " Die Persönlichkeit des Lehrers ist im Reden wie im Handeln, in der Schule wie im Leben als das wichtigste Förderungsmittel des Guten anzu­sehen. " Und es könnte heute gesprochen sein, was Josef Kehrein in seiner Ansprache an den hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Peter Josef Blum im Jahre 1869 ausführte: "Wenn je einer Zeit, so tut der unsrigen das siebenfache Gnaden­geschenk des heiligen Geistes not, wo die Grundübel der Zeit: der Unglaube und die falsche Wissenschaft, die Genußsucht und die Unwahrheit ihr Versteck verlassen und siegestrunken auf offenem Markt erscheinen. Und wo die falschen Propheten und Angreifer von dem gereiften Mann erkannt und abge­wiesen werden, da wagen sie sich an die unreife Jugend, ja sogar an die Schuljugend, wohl wissend, daß dem die Zukunft gehört, , der die Schule hat und der Schulkinder in seinem Geist zu seinen Zwecken erzieht." Darum mahnt aber auch Kehrein in einer Entlassungsrede die jungen Lehrer: "Fanget eure Lehrwirksamkeit mit Gott an; setzet sie fort mit Gott, so werdet ihr sie vollenden in Gott. " Nur so sieht er die Möglichkei t und die Gewähr für die Erfüllung der drei erzieherischen Aufgaben gegeben, die auch uns heute noch immer gestellt sind: " Erziehe den Menschen für seine übernatürliche Bestimmung, also für sein ewiges Heil und demnach zur Nachfolge Christi; erziehe die Menschen zur lebendigen werktätigen Nächstenliebe; erziehe die Menschen zu würdigen Gliedern ihrer Nation, zu echten Freunden ihres Vaterlandes. "Das sind Goldkörner pädagogischer Erkentnis.

Sie haben ihren Niederschlag gefunden in den 1875 er - schienenen " Schulreden " und in den beiden für die Hand der Seminaristen bestimmten Büchern " Überblick der Ge­schichte der Erziehung und des Unterrichts " und dem " Hand­buch der Erziehung und des Unterrichts." Beide wurden im­mer wieder neu aufgelegt und haben mehrere Jahrzehnte hindurch den angehenden Lehrern das Rüstzeug für ihren Beruf gegeben. Mit vielen seiner pädagogischen Einsichten und Forderungen steht Josef Kehrein noch mitten in unserer Zeit. Aber trot zdem ist es auch nicht dieses allein, was wir heute feiern wollen. Es ist noch ein Mehr an ihm, däs~ wir suchen müssen, noch ein Etwas:, das uns allen zugäng­lich und in uns lebendig ist. Worin ist dieses Mehr gegeben?

Es liegt in dem Menschlichen schlechthin, wie es in seiner Herkunft , in seinem Bildungsstreben und in seinem Lebens­lauf vor uns liegt.

Als der " Hungerpastor " Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch am ersten Christmorgen in der Hungerpfarre: Grunzenow, an der Ostsee seinen Toten Rechenschaft ablegt, läßt der Dichter Wilhelm Raabe zuerst einen gebeugten, hageren Mann mit mildem, ernst-heiterem Gesicht vor seinem geistigen Auge erstehen - den Meister Anton Unwirrsch, den Flickschuster aus der Kröppelgasse. " O Vater, Vater ! Es ist schwer, ein rechter Mann zu sein und jedem Ding sein rechtes Maß zu geben. Wer aber mit der Sehnsucht danach in die Tiefe ge­boren wird, der wird doch eher dazu kommen als jene, die zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig ibleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit, und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O, Vater, der Mensch hat doch nichts

Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben !"

Aus solcher Tiefe ging auch der im Oktober 1808 in dem Dorfe Heidesheim zwischen Mainz und Bingen geborene Josef Kehrein hervor , und mit ihm wurde auch dies schmerz­liche Streben nach oben geboren. Die Eltern waren einfache kleine Bauersleute, die sich mit ihren 10 Kindern, von denen allerdings 4 früh starben, recht und schlecht durchs Leben schlugen. Es war die Zeit der napoleonischen Kriege, wo überall in deutschen Landen die Armut und die Not riesen­groß waren. Was bei unseren Kleinbauern heute noch alt - überlieferter Brauch ist, war damals zur bitteren Notwendigkeit geworden: jede arbeitsfähige Hand mußte mitwerken im Be­trieb, So mußte auch der kleine Josef von früher Kindheit an den Eltern bei den Haus- und Feldarbeiten kräftig helfen. Trotz dieser vorzeitigen körperlichen Beanspruchung, vielleicht auch durch diese Beanspruchung, regte sich schon in dem kleinen Bub ein ungewöhnlich starker Lerntrieb. Die Eltern, tief religiöse Leute, haben dafür Verständnis und lassen ihn schon ein Jahr vor dem üblichen Alter in die Dorfschule gehen. Der schulentlassene Vierzehnjährige wird von einem quälenden Hunger nach mehr Wissen geplagt; er will und muß studieren. Er offenbart sich seinem Pfarrer, und dieser verschafft ihm die Einwilligung der Eltern; er gibt ihm auch ein Jahr Privatunterricht. Ihm, wie den Eltern und auch dem Bub steht als Ziel des Studiums der geistliche Stand vor Augen. Josef Kehrein wurde dann Schüler des Bischöflichen Gymnasiums in Mainz. Während seiner Gymnalsial- und Uni­versitätsstudien mußte er allerd, ständig bemüht bleiben, den Eltern möglichst wenig Kosten zu machen. Anfangs machte er täglich den Weg von Heidesheim nach dem drei Stunden entfernten Mainz hin und zurück zu Fuß. Später wohnte er in Mainz und gab dort soviel Privatstunden, daß er den größten Teil der Unterhaltskosten selber bestreiten konnte.

Sein erbauliches Verhalten und seine hervorragenden Lei­stungen sicherten ihm die zusätzliche Unterstützung edler Menschenfreunde. Das ist das Auffallende schon bei dem Gymnasiasten, daß er seine Zeit streng haushälterisch aus­nutzt und so trotz seiner überreichlichen Inanspruchnahme ein vorzüglicher Schüler ist. Die letzten fünf Gymnasial­jahre hält er den ersten Platz in den Klassen, und bei den Prüfungen mit den damals üblichen Preisverteilungen er­wirbt er viele Auszeichnungen, Schon an dem Jungen ver­wirklicht sich das Wort, das später der gereifte Mann aus­spricht: " Würdige Berufsansicht führt zu höher Berufs­freudigkeit. " Nach dem Abitur bezog er für sechs Semester die Landesuniversität in Gießen. Die ursprüngliche Absicht, sich dem geistlichen Stande zu widmen, hat er aufgegeben. Dafür wandte er sich der Philologie zu. Die Liebe zu den alten Sprachen, zu Geschichte und Literatur - einerseits, die langjährige Tätigkeit mit Nachhilfeunterricht andererseits mögen ihn zum Lehramt hingezogen haben. Seine wirt­schaftliche Lage blieb auch während des Universitätsstudiums unverändert schwer. Wenn heute die Werkstudenten die Ferien ausnutzen, um am Bau oder irgend einem anderen Betrieb das Geld für das nächste Semester zu verdienen, so bestand damals für Josef Kehrein nur die eine Möglichkeit, dauernd viele Privatstunden , Nachhilfeunterricht zu geben. Das war ein mühsames Studium, um so mehr, als er sich nicht auf die Pflichtvorlesungen für seine Fächer beschränkte. An ihm wirkte sich aus ;wer mit dem Hunger geboren wird, kann gar nicht genug geistige Nahrung bekommen. So hörte er auch Vorlesungen über Pädagogik, Psychologie, Logik, Religionsphilosophie, Ästhetik, Kunstgeschichte u. s. f. Man fragt sich unwillkürlich, woher der Student Zeit und Kraft nahm, das alles zu schaffen. Hier tritt ein anderer Wesens­zug Kehreins scharf hervor: je mehr Opfer eine Sache forderte und je gsößere Entbehrungen sie ihm auferlegte, mit einer um so größeren Hingabe und zähen Energie widmete er sich ihr. So hat er trotz allem die erste Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen mit gutem Erfolg bestanden.

Nun führte ihn sein Weg als Le'hramtsakzessist an das Gym­nasium in Darmstadt. Da ihm keinerlei Vergütung, auch