AUS DEM STADTGESCHEHEN
"Wer war der Mann, dem die Joseph- Kehrein-Schule ihren Namen verdankt?
Mit unserem heutigen Bericht Joseph-Kehrein ( zur Ent - hüllung des wiedererichteten Denkmals am 18. Juli 1953 in Montabaur ) setzen wir unsere Aufzeichnungen über Schulen im Stadtgebiet von Montabaur und das Wirken verdienter Pädagogen an den verschiedenen Bildungsanstalten der Stadt fort.
Der Name Joseph-Kehre in bedeutet der-älteren Generation, die das segensreiche Wirken dieses Mannes in guter Erinnerung hatte, sehr viel . Die Jüngeren aber und hier vor allem die größte Zahl der Schulkinder, die heute die Joseph- Kehrein-'Schule besuchen sollten wissen, wer der Mann war, nach dem man die Volksschule in Montabaur und aucn die frühere Seminarstraße benannt hat.
Akademiedirektor Jakob Klemann, hat den Lebensweg Joseph-Kehreins und sein pädagogisches Wirken aufgezeichnet.
JOSEPH - KEHREIN ( Zur Enthüllung des wiedererichteten Denkmals am 18. Juli 1953 in Montabaur )
In besinnlichen Menschen erhebt sich bei der Einweihung eines Denkmals wie bei jeder Gedenkfeier die Frage nach dem Warum, Und wenn - wie heute hier - das gleiche Denkmal für den gleichen Mann zum zweitenmal enthüllt wird, dann ist die Frage nach dem Warum noch drängender. Als im Sommer 1901 dieses Denkmal erstmalig erstellt und im September des gleichen Jahres eingeweiht wurde, geschah dies durch ehemalige Schüler Josef Kehreins, die damit der Verehrung und Liebe sichtbaren Ausdruck geben wollten, die sie zu ihrem 1876 verstorbenen Lehrer und • Seminardirektor noch immer im Herzen trugen. Sie konnten sich damals der Mithilfe ehemaliger Mitarbeiter und Freunde Kehreins erfreuen und fanden verständnisvolle Förderung so wie bei kirchlichen und weltlichen Würdenträgern auch bei der Kreisverwaltung und der Stadt Montabaur, Das waren zu einem großen Teil Menschen, die Josef Kehrein noch persönlich gekannt hatten und, soweit sie ihm nicht die eigne Formung für Beruf und Leben zu danken hatten, ihnob seines segensreichen Wirkens auch in der Erinnerung noch hochschätzten und verehrten. Denn Josef Kehrein war- wie einer seiner früheren Schüler in der damals herausgegebenen Festschrift ausführte - durch seine seltene Charaktervollendung durch die Festigkeit und Offenheit in seinen religiös - sittlichen Grundsätzen, durch die Pflichttreue in seinem Beruf und den Fleiß in seinen Privatstudien durch die Genügsamkeit und Bescheidenheit in seiner Lebensweise gleicherweise in Lehre und Leben zum Urbild geworden. Josef Kehrein verwirklichte tagtäglich an sich selber das Wort, das er seinen Schülern so oft gegeben:
"Handle, wie du lehrest, und lehre, wie du handelst. Darum aber lebte er noch in so vieler Herzen trotz der 25 Jahre, die zwischen seinem Sterben und der Errichtung seines Denkmals lagen.
Aber seitdem sind zwei weitere Generationen vergangen und mit ihnen auch alle dahin gesunken, die einmal Schüler und Freunde Kehreins waren. Dennoch blieb sein Name lebendig. Wir finden ihn auf dem Friedhof, auf dem von der Stadt gestifteten und unterhaltenen Grab, und wir hören ihn in dem Namen unserer Volksschule^ der ihr zu Ehren des Pädagogen vor zwei Jahren verliehen wurde. Wenn der Nähme Josef Kehrein trotzdem für die meisten nur ein Wort ohne Inhalt ist, will das wenig besagen. Die Großen unserer Kultur, unserer Geschichte, unserer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung sind damit nicht weniger groß, *weil die Welt heute wenig von ihnen weiß und nicht mehr von ihnen spricht. Sie standen zu ihrer Zeit fest auf dem ihnen gewiesenen Platze und haben gemauert an dem Sein ihrer Zeitgenossen. Sie haben das Erbe der Vater mit klugem Ver stand aufgenommen und haben es gemehrt und weitergegeben
an ihre Kinder und Enkel und so der Menschheit weitergeholfen auf dem Wege zur immer größeren Vollendung des Lebens. So auch Josef Kehrein. Auch er hht guten Samen gestreut. Und er ward nicht vom Winde verweht. Das zeigt auch die Wiedererichtung seines Denkmals; denn damit feiern wir sein Gedächtnis. Dann muß aber dieses Gedächtnis Hilfen haben, die über alles Persönliche hinausgehen und Allgemeingut sind. Es muß schon so sein, daß wesentliches in uns zu ihm bekennen möchte, daß etwas in uns weiterlebt, das auch in ihm lebte. Was aber ist dieses Etwas, das wir wie dereinst Josef Kehrein in uns haben, das wie für ihn, so für uns Allgemeingut ist ?
Prof. Dr. Valentin Kehrein gab zum 25. Todestag seines Vaters eine umfassende Lebensbeschreibung von ihm heraus unter dem Titel " Josef Kehrein, der Germanist und Pädagoge". Mit gutem Bedacht ist der " Germanist " an erste stelle gesetzt und damit zum Ausdruck gebracht, daß Josef Kehrein viel als Wissenschaftler gearbeitet hat und auch als Wissenschaftler im Gedächtnis bleiben soll.
In der Tat hatte er sich zunächst der wissenschaftlichen Schriftstellerei verschrieben. Ihr opferte er seine freie Zeit und ihr : auch seine Nachtruhe,die er auf 5, 4 und sogar 3 Stunden beschränkte. Sein höher Gönner, der österreichische Erzherzog Stephan Viktor, der auf Schloß Schaumburg wohnte, war besorgt ob dieser ständigen Überbeanspruchung der Kräfte und bat dringend um Einschränkung bei seiner Arbeit zur Schonung der Gesundheit. Josef Kehrein antwortete;
"Wie kann ich meine Kräfte schönen, solange an der Besoldung so sehr gespart wird ? ". Dem gegenüber meinte der Erzherzog aber treffend, daß Josef Kehrein, auch wenn er ein halber Krösus wäre, wohl seine Professur, nie aber die Schriftstellerei aufgeben würde.
Die Zahl der Buchbesprechungen, Aufsätze und Bücher ist unverhältnismäßig hoch, vor allem auf germanistischem, d.h. deutschkundlich-sprachlichem Gebiet. Er war bei diesen Arbeiten getragen vom Geäste der Romantik. Diese suchte die schöpferischen Kräfte nicht so sehr in dem Einzelnen als in den Gemeinschaftgebilden, nämlich im Volksgeist und seinen unmittelbaren Äußerungen: in der Sprache der Dichtung, dem Mythus und dem Recht, Darum wandte sie ihre besondere Aufmerksamkeit und ihre Forscherarbeit der volkstümlichen Dichtung und namentlich der Sprache zu als einem unbewußt geschaffenen Gemeinschaftsgebilde. Hier wirkte Josef Kehrein bahnbrechend. Angeregt durch Jakob Grimm, leitete er die Sprachgesetze nicht geschichtlich ab, sondern versuchte, sie der Sprache selber abzulauschen, so wie sie im Volke leibt und lebt. Das war seine Hauptmühe in einem großen Werk " Grammatik der neuhochdeutschen Sprache ". Für den Schulgebrauch verfaßte er die " Kleine deutsche Schulgrammatik " und die "Schulgrammatik der deutschen Sprache," Auf einer Germanistentagung in Frankfurt a, M. hätte Jakob Grimm in Josef Kehrein den Gedanken geweckt, die Grammatik der deutschen Sprache des 15. - 17. Jahrhunderts zu schreiben.
Die überaus schwierige Arbeit reizte den Forscher, und nach mehrjähriger Arbeit legte er ein dreibändiges Werk über die Sprache dieses Zeitraumes vor.
Es würde den Rahmen meines Vortrages sprengen, wenn ich auf die anderen deutsch kund liehen Werke noch eingehen wollte.- auf sein mehrbändiges " Lesebuch ", auf das zweibändige " Handbuch deutscher Prosa ", sein "Onomatisches Wörterbuch " und das " Fremwörterbuch Das alles waren Werke, die damals weite Beachtung fanden und Josef Kehrein viele Ehrungen eintrugen. Für uns heute sind sie Literatur geworden, die nur noch geschichtlichen Wert hat, die zudem auch selten wurden. In der Zentralbücherei der Nassauischen Kulturstiftung ist z. B, außer dem Büchlein über " Montabaur" nur noch sein Buch Uber " Volkssprache und Volkssitten im Herzogtum Nassau " vorhanden. Darum ist kein Zweifel:
Es ist nicht der wissenschaftliche Schriftsteller, der unserem Herzen nahe steht und den es mit der Enthüllung des Denkmals feiern will. Es ist ein Anderes”, ein Mehr an Josef Kehrein, das uns allen heute noch zugänglich und in uns lebendig ist.
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