Ausgabe 
13.8.1965
 
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Die rechte Art,

Urlaub zu machen

Das beste Programm: kein Programm I

1. .Alle Brücken abbrechen!

Fang frühzeitig mit der Vorfreude an. Reser­viere dir im Taschenkalender die letzte freie Seite und schreib in schönster Schrift an die höchste Stelle, "was ich alles auf die Sommer­reise mitnehme". Und dann notierst du all die Wichtigkeiten, auf die du nicht verzichten möchtest: 1. den Kompaß; 2. den Briefbeschwe­rer und -öffnet; 3. die Liste mit den Klassikern, die du noch immer nachholen willst; 4. Onkel Ottos Rasierspiegel. Bevor du dann zu packen beginnst, hast du den Kalender verloren. Fahr los. Ins Blaue. Mit leichtem Gepäck. Ohne Onkel Ottos Spiegel. Laß auch den Brieföffner daheim. Lies auf Urlaub keine Briefe. Es gibt keinen wichtigen Sommerbrief, der nicht im Herbst genau so wichtig geblieben ist. Zerreiß auch den albernen Wisch, den du da zurücklas­sen möchtest:''Bin jederzeit über Forsthaus Am­mershausen zu erreichen. Nummer 27. Du bist telefonisch nicht zu erreichen, Du bist über­haupt nicht zu erreichen. Nicht brieflich. Nicht postkärtlich. Nicht mal drucksächlich. Du bist weg. Hörst du? Futsch!

2. Knausere nicht!

Du zählst dein Geld. Du hast schon das ganze brav gespart. Es reicht für dreieinhalb Wochen. Wenn du sehr vorsichtig bist, allerdings. Da muß man sich eben die Erdbeertertelette beim Abend­essen versagen. Halt! Du alter Geizkragen!

Wenn du schon einmal nach so langer Zeit auf Erholung gehst, so knausere nicht. Wenn deine Börse schmal ist, dann geh lieber nur für drei Wochen fort und verzichte auf die letzten drei Tage. Wirf das so ersparte Geld auf die Erdbeer­tortelette . Nur wer (auf Urlaub) im Wohlstand lebt, lebt angenehm

3. Mach bloß keine Pläne!

Die Falte an deiner linken Backe muß fort. Dei­nen Specknacken willst du loswerden. Wolltest da bei deiner Heimkehr nicht wie ein Mulatte aussehen? Schon um Erna zu imponieren, die nicht mitkommen wollte. Laß doch Erna den­ken , was sie will. Es imponiert ihr bestimmt nicht, wenn du wie ein Neger aussiehst und dir dabei dein Herz ramponiert hast. Denk an dei­ne Gesundheit! Oder denk, was für einen Ur­lauber das Leitmotiv sein muß, denk überhaupt nicht. Leb in den freien Tag hinein. Flieh die Faktura Biedermann & Biedermann. Ruh dich aus. Dich. Deine Knochen. Dein Hirn. Dei­ne Augen. Deine Nerven. Neulich hast du erst den Kursus "Gedächtniskunde" mit Erfolg absol­viert. Jetzt studiere das Gegenteil "Vergessens- kunde". Vergiß! Rüste ab. Zieh deine geisti­gen Rolläden herunter. Sei stupide. Blödle!

4. Laß dir Zeit!

Mach um Gottes Willen kein Programm! Ich hör schon wie du Fräulein Berta bittest, sie möch­te dich bestimmt um 8 Uhr wecken. Nein, Fräu­lein Berta, wecken sie ihn bloß nicht. Laß auch deinen Wecker im Koffer stehen. Schlafe, bis du von allein aufwachst. Und dann stehe meinetwe­gen auf. Das Frühstück wird dir auch nach zehn Uhr noch seviert. Sonst zieh aus. Zieh in eine Sommerpension, in der man'Achtung vor dem Vormittagsschlaf eines jahrelang gepeinigten Frühaufstehers. Streck dich. Reck dich. Geh ans Fenster. Genieße den Ausblick. So, und nun frühstücke. Warum schluckst du denn die Eier so rasch hinunter ? Das ist die alte Gewohnheit.

Du bekommst sonst den Omnibus nicht mehr und bist 13 Minuten zu spät im Büro. Aber hier ist doch, dem Himmel sei Dank, hier ist doch kein Omnibus. Hier ist Ruhe, Friede, Zeit. Hier regiert nur eins. Es ist die wonnige Medizin, der köstlichste Jungborntrunk. Hier herrscht ihre Ma­jestät die Langeweile.

5. Langweile dich gründlich!

Ja, Langeweile. Langeweile ist es, die du so dringlich brauchst - nur im Urlaub, versteht sich. Jene Langeweile, vor der du dich sonst gähnend zu drücken suchst. Diese Langeweile würzt die Mahlzeit, die Luft, dein Inneres. Diese Lange­weile stärkt alles, was an dir so schwach und reparaturbedürftig geworden ist. - Du fragst:

"Ich soll mich langweilen? Für mein schönes, so schwer verdientes Geld? Nein, ich will Ab­lenkung, Abwechslung, Aufregung! "

Nein, Freundchen, Langeweile! Da hilft kein Widerstand. Es ist das ewig junge Rezept. Der Großvater nahm es und wuchs zum Jüngling zu­rück . Und nun ist der modernste Schrei der Neu­rologen, der Psychologen, der Physiologen, der Pädagogen und der Herzärzte! Sträube dich nicht. Je eher du beginnst, die gewaltige Kunst des Sich-Langweilens zu beherrschen, desto rascher wirst du sie wieder loswerden dürfen. Lerne dich langweilen. Bade dich in Langeweile. Im Ur­laub, wohlverstanden.

6. Sei faul?

Mach keine Gewaltmärsche, wenn du daheim nicht gewohnt bist, weiter als bis an die Hal­testelle zu keuchen. Schwimrrt auch nicht stun­denlang, falls du sonst nur in der Badewanne Schiffchen spielen läßt. Meide die Sonne, wenn du sie nicht gewohnt bist. Es ist ja schön, sehr braun zu sein, aber die Kurärzte können ein Lied­chen vom Schmerzgeheul der Sonnenbrandfiebern­den singen. Übertreib nichts. Und kämpfe ge­gen deine Unrast, die dir dauernd ins Ohr flü­stert: da, dort, hier, nein dort, da könnte etwas Interessantes los sein, was ich versäume, Nein, du versäumst nichts . Du erfährst noch rechtzei­tig, daß die machtvolle Brünette die rechtmä­ßig angetraute Ehegattin des winzigen Strichs auf ihrem Nebenstuhl ist. Daß er der Leiter ei­nes der größten Werke des Landes ist, mit 243 Arbeitern und Angestellten.

Kreuzgitter

In die freien Felder sind Buchstaben einzutragen, so daß ein Gitterwerft sich kreuzender Wörter entsteht. Die Erklä­rungen der Wörter sind - unabhängig von Richtung und Reihenfolge in der Figur - angegeben. Die bereits eingesetzten Buch- stÄen dienen zur Orientierung.

Schmaler Zwischenraum - Fläche

- Bote König Davids - Schwimm­vogel - europäische Hauptstadt Frauenname - Turnübung - ägyp­tische Himmelsgöttin - Farbtönung

- abessinischer Titel Nebenfluß der Rhöpe - primitive Treppe - chemische Verbindung - Nebenfluß der Donau - Ehrengruß - Brenn­stoff - Küchengerät - Klapper.

BUNTE SEITE

Verachte mir- diese Dame nicht. Hör ihr genau zu. Du hast sonst nie soviel Zeit, einen munter fließenden Wasserfall zu belauschen. Ertappe sie, bitte, nicht, wenn sie sich widerspricht. Gewiß, soeben waren es noch 314 Arbeiter im Werk ihres lieben Gatten, jetzt sind es schon 512. So was kommt vor . Nur nicht kleinlich sein. In den Ferien wachsen die Positionen, die Werke, die Schlösser nach der Entfernung im Quadrat.

7. Schau in den blauen Himmel!

Sei guter Dinge, amüsier dich königlich, denn einmal schrillt der Wecker wieder um 7 Uhr früh. Im Stehen schüttest du den Kaffee hinunter und stürzt zum Omnibus. Dann bist du kein Urlau­ber mehr, dann bist du wieder, was du warst: ein Bürpangestellter, der, über das Kontobuch gebeugt, acht Stunden lang alberne Zahlen in alberne Rubriken unterzubringen hat, oder sonst ein Sklave unserer Zeit.

Schleich dich hinaus ins einsame Grüne, erhol­ter Freund, an den Bach, schau in den blauen Himmel, mach, (wenn es nicht anders geht!) ein Gedicht, langweile dich ndch einmal von ganzem Herzen und mit voller Inbrunst, atme die Luft ein, wirf dich ins Gras und singe dem Schöpfer, der dir all diese Stunden spendete, ein Preislied. Du sollst nicht undankbar sein.

Ger ichts - Dieb

Des Diebstahls eines Ge­richtsgebäudes scheint sich ein 18jähriger Gelegenheitsarbei­ter ohne festen Wohnsitz

schuldig gemacht zu haben. Die Frankfurter Polizei jedenfalls meldete gestern die Fest­nahme des Delinquenten und erläuterte:Eft besteht gegen ihn Haftbefehl wegen Dieb­stahls des Amtsgerichts Soitau.

Pcimo - Flachtichten

ist der Haupttitel für alle im Primo-Verlag Hans Schmid erscheinenden Mitteilungs- und Orts­nachrichtenblatter.

VERLAG: PRIMO-VERLAG Hans Schmid,

6689 Merchweiler/Saar, Primo-Haus, Postfach 20, Telefon 06825/ 2822,

VERLEGER: Hans Schmid, CHEF v. DIENST u. PRODUKTIONSLEITER: Theo Potdevin, CHEFLAYOUTER u. ANZEIGENLEITER: Erich Meiers, WERBE-u. VERTRIEBSLEITER: Armin Schulz-Plink, DRUCKEREI-u. VER* SANDLEITER: Robert Loth.

ERSCHEINUNGSWEISE:

Wochentl ich

Zur Zeit gültige Anzeigenpreisliste:

E 5, vom 1. 1. 1965.

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