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Nr. 46/97

Die Trauer um die Toten ehrt die Lebenden

Gedanken zum Volkstrauertag 1997, über fünfzig Jahre nach dem Weltkrieg

Als ich Ende 1946 nach über zweijähriger Gefangenschaft wieder daheim ankam, übergab mir meine Mutter ein schwarzes Verwundetenabzeichen mit einer Urkunde: Meine Kompanie hatte es ihr im Dezember 1944 zugesandt. Für mich aber war es zu früh, an den Fronteinsatz im Westen zurückzudenken und legte das Erinnerungsstück beiseite. Erst einige Jahre später fiel es mir wieder in die Hand.

Und dann kamen mir die Erlebnisse an der Front wieder in den Sinn, auch der Name meines Kameraden, der in seinem Kalenderbüchlein neben meiner Anschrift »mein letzter Kamerad« geschrieben hatte. Er war Anfang Oktober 1944 gefallen, wie ich von seiner Mutter hörte, der man die Notiz übersandt hatte. 53 Jahre ist das jetzt her, aber die gemeinsam verbrachten Wochen im Artillerie- und Maschinengewehrfeuer sind mir, dem damals 19jährigen, unvergessen. Auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Lommel haben sie ihn mit vielen anderen begraben, weit weg von hier.

Aber ich brauche eine lange Reise zu einem Kriegsgrab nicht erst anzutreten: Ganz in meiner Nähe, auf dem Ehrenhain Westerwald, habe ich Gelegenheit, der Gefallenen zu gedenken. 1.010 Tote des Zweiten Weltkrieges ruhen hier, über hundert darunter, die nicht identifiziert werden konnten. Am 28. Juli 1957, vor vierzig Jahren also, fand die Einweihung des Soldatenfriedhofs statt, der, damals noch am Rande des Städtischen Friedhofs gelegen, heute von den Gräbern der Montabaurer eingerahmt wird.

Ich kenne einige ehemalige Kriegsteilnehmer, nun längst über die siebzig, denen es ein Bedürfnis ist, an der jährlichen Gedenkfeier am Volkstrauertag teilzunehmen. Auch die Bevölkerung, in den letzten Jahren mehr und mehr Jugendliche darunter, ist in der Abendstunde auf dem Ehrenhain dabei, die von Gesang- und Musikverei­nen stets würdig gestaltet wird.

Ansprachen mahnen zum Frieden, als einzige Aufforde­rung an die Lebenden, dem Opfer der Kriege als des Wahnsinns letzte Stufe einen Sinn zu geben. Die Trauer um die Toten ehrt auch die heutige Generation.

Josef Otto Schneider