Montabaur
E.
Nr. 8/92i
Natur- und Umwelt-Info
Vogel des Jahres 1992
Das Rotkehlchen
Einer unserer häufigsten Kleinvögel, das Rotkehlchen, ist zum Vogel des Jahres 1992 gewählt worden. Warum gleich die Amsel oder der Spatz, fragen viele, die auch für dieses Jahr eine der stark gefährdeten “Raritäten” in der Vogelwelt als Vorreiter für die Interessen des Naturschutzes erwartet haben. Warum also hat dieses Mal ein so landläufiges Vögelchen wie das Rotkehlchen den Sprung aufs Siegertreppchen geschafft? Ein großer Pluspunkt für das Rotkehlchen und sicher von entscheidender Bedeutung für die momentan noch recht stabile Bestandssi- tuation ist seine Variabilität bei der Wahl.des Lebensraumes. Dieser Lebensraum ist zwar noch nicht akut, aber doch schleichend bedroht. Für das Rotkehlchen spricht auch sein Image: Der unverwechselbare Vogel ist ein echter Sympathieträger, dessen “munteres, fröhliches Wesen” schon Altmeister Brehm gefallen hat. Damit sind die Chancen gut, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden und Erfolg beim dauerhaften Schutz von Rotkehlchenlebensräumen zu erzielen.
Ein hübsches Vögelchen
Das Rotkehlchen ist der einzige bei uns vorkommende Vogel, der von der Stirn bis zur unteren Brust orangerot gefärbt ist. Oberseite und Schwanz sind gleichmäßig dunkeloliv, der Bauch ist weiß. Das Rotkehlchen ist etwa so g. oß wie der Sperling, wirkt aber rundlicher. Männchen und Weibchen sehen gleich aus. Am Boden fällt das wiederholte Knicksen auf.
Das Rotkehlchen baut meist Bodennester zwischen Wurzeln unter Baumstämmen, in Erdlöchern oder einfach im Gras. Es nimmt auch sehr gerne niedrighängende Halbhöhlen-Nist- kästen an. Zwischen Anfang April und Juli legt das Weibchen in meist zwei Bruten je 3-7 Eier. Nach 12-15 Tagen schlüpfen die Jungen, nach weiteren zwei Wochen sind sie flügge. Während das Aussehen der Altvögel unverkennbar ist, sind die Jungvögel schon schwieriger zu bestimmen: In den ersten Lebenswochen fehlt ihnen das markante Rot völlig, stattdessen sind sie am ganzen Rumpf hell- und dunkelbraun gefleckt. Im Alter von 6-7 Wochen mausern sie sich erstmals und erreichen nach weiteren 30-50 Tagen die Färbung ihrer Eltern.
Vielseitiger Speiseplan
Zur Brutzeit besteht die Nahrung für Alt- und Jungvögel hauptsächlich aus Insekten und deren Larven: Käfer, Zweiflügler, Raupen und Blattläuse stehen auf dem Speiseplan. Im Sommer und Herbst stellt sich das Rotkehlchen auf vegetarische Kost um: Alle Arten fleischiger Früchte, etwa von Schneeball, Efeu, Faulbaum und Hartriegel schmecken ihm.
Als sogenannter Teilzieher - d.h. im Herbst fliegen einige, aber nicht alle Vögel nach Süden - ist das Rotkehlchen ein häufiger Gast am Futterhaus. Es frißt hier gerne Haferflocken und Körner. Generell ist die Winterfütterung aber nicht notwendig, um den Vögeln das Überwintern in Mitteleuropa zu sichern. Nasse und verschmutzte Futterhäuser können im Gegenteil viel eher den Tod bedeuten als ein harter Winter.
Viel sinnvoller ist es, seinen Garten mit einheimischen beeren- und samentragenden Gehölzen und Stauden so zu gestalten, daß die Vögel sich im Winter selbst bedienen können.
Wehmut im Gesang j
Rotkehlchen beginnen schon im zeitigen Frühjahr zu singen, j
regelmäßig kann man auch im Herbst und Winter ihren leisen \
Gesang hören. Der Reviergesang der Männchen ist “per- j
lend” und wird vom Menschen oft als “wehmütig” empfun- j
den. Der typische Warnruf ist ein kräftiges, schnell wieder- j
holtes Tixen, bei Flugfeinden ein gedehntes “sieh”. Die j
Männchen singen nicht nur zur Zeit der Revierabgrenzung i
und Weibchenwerbung besonders ausgiebig, sondern noch einmal, wenn die Jungen ausfliegen. Vom Zuhören lernen j
die Jungvögel die arispezifischen Strophen. Denn arttypisch i
singen tatsächlich nur diejenigen Rotkehlchen, die Gelegen- i
heit hatten, ihrem Vater gut zuzuhören.
Das Rotkehlchen besiedelt zur Brutzeit die verschiedensten Lebensräume: Wälder aller Art vom Tiefland bis zur oberen Waldgrenze, Feldgehölze, Hecken, auch Parks, Gärten und Friedhöfe in Dörfern und Städten. Das Rotkehlchen mag Feuchtigkeit: Bevorzugt kommt es in Gebieten vor, wo es j
noch naturnahe Waldbäche oder Tümpel gibt. Im Winter j
sieht man den Vogel besonders oft in Gärten und Parks, wo- j
bei der Winterbestand hier meist deutlich höher ist als der i
Brutbestand. Zur Brutzeit gehört das Rotkehlchen in den j
mitteleuropäischen Wäldern mit dem Buchfink und 'ler ;
Möchsgrasmücke zu den häufigsten Vögeln. Die höchsten Siedlungsdichten erreicht es in feuchten, unterholzreichen Wäldern. In monotonen, artenarmen Wäldern sinkt die Zahl der Brutpaare stark ab.
Naturschutz beginnt In unseren Köpfen j
Mit dem Rotkehlchenschutz kann jeder anfangen, der einen j Garten hat: Weg vom englischen Rasen hin zur Blumenwiese, weg von der Thujahecke hin zu einheimischen Gehölzen, weg vom Ordnungsideal eines sterilen Garten hin zu einem Garten, der die Bezeichnung “naturnah” verdient. Was hier dem Rotkehlchen dient,.hilft der Vogel- und Kleintierwelt allgemein.
Ähnliche, Aufklärungsarbeit ist auch beim Wald nötig: Sowohl Privatwaldbesitzer als auch die öffentliche Hand als größter Waldbesitzer sind aufgefordert, den Weg einer konsequenten Umstrukturierung des Forstes im Sinne des Naturschutzes zu gehen. Die Zeit der Fichtenmonokulturen und sterilen Hybridpappelpf|anzungen muß endlich vorbei sein.
Unser Wald muß wieder aus standortgerechten, heimischen Gehölzen bestehen und reichstrukturierte Waldsäume bekommen.
Der Bestand des Rotkehlchens in Deutschland wird auf mindestens zwei Millionen Brutpaare geschätzt. Damit gehört das Rotkehlchen - noch - zu unseren häufigsten Brutvögeln. Kein Grund also für Schutzbemühungen? Im Gegenteil j
- denn sollte es erst einmal um diesen Vogel schlecht be- i
stellt sein, ist es für unser Umdenken endgültig zu spät. j
Zum Vogel des Jahres 1992 ist eine farbig illustrierte Broschüre erschienen, die gegen Einsendung von 3 DM in Briefmarken angefordert werden kann vom Bayerischen Landesbund für Vogelschutz, Kirchenstraße 8,8543 Hilpolt- stein, Tel. 09174/9085.

