Nebenblatt
/erbandsgemeinde Montabaur
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■ Freitag, den 12. November 1999 - Nr. 45
Intercity, eine junge Dame l ein Buch
Uen zum Volkstrauertag 1999 Josef Otto Schneider
Jrößer der Abstand zu meinem Kriegserleben als Solid, desto mehr muss ich daran denken.” Ich weiß nicht,
Io zu mir gesprochen hat, aber ich mache die gleiche |rung.
feinem Wochenende in Leipzig zurückkehrend, fuhr mein Intercity Richtung Frankfurt, in mir, in ein Buch vertieft, eine junge Dame, vielleicht 16. Wenn man über drei Stunden Ineinander sitzt, kommt ein Augenblick der Neugier. Ich ertappe mich dabei, wie ich, ikurzen Seitenblick riskierend, im Buch meiner Nachbarin eine Zeile mitlese: “Glauben fass wir den Krieg gewinnen können?” fragt da einer. Ein Roman der Kriegszeit. Als das jhen später das Buch zuklappte, verriet mir der Rücken Autor und Titel: Michael Holbach [verratenen Söhne”. Mein Blick ging hinaus in die vorbeifliegende Landschaft.
[atene Söhne” - sie liegen, mit Namen und namenlos auf unseren Soldatenfriedhöfen, jte ich. Und weiter: Inzwischen sind ihrer viele vergessen; das ist normal, wir sind nach [eien Jahren schließlich drei Generationen weiter. Vergessen und keine Botschaft? kauertag, zwei gefallene Vettern, ein geliebter Freund, die 1009 Kriegstoten auf dem fabaurer Ehrenhain kamen mir in den Sinn. Und die Feierstunde am frühen Abend. Der .dachte ich bei mir,, der Krieg, in dem du selbst warst, den die Älteren, die du täglich noch in der Stadt triffst, mitgemacht, miterlitten haben, ist über fünfzig Jah- re vorbei, aber die Botschaft der Opfer - und das sind ja nicht nur die “verratenen Söhne” - ist noch immer gegenwärtig.
Wir nehmen, kam mir in den Sinn, während ich das Buch aus dem Augenwinkel noch einmal betrachtete, vieles an Hab und Gut mit ins neue Jahrhundert. Dass wir auch Gedanken und Gedenken “mitnehmen”, davon wird kaum etwas gesagt. Und doch: Die Botschaft, in Frieden miteinanderzu leben, besitzt noch immer Gültigkeit. Auch im nächsten Jahrhundert.
Die junge Dame stieg in Eisenach aus, sie hatte von mir nicht einmal Notiz genommen. Aber sie konnte natürlich nicht ahnen, dass der bloße Anblick ihres Buches mich weit in meine Erinnerungen zurückgeführt hatte.

