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Friede

ein Meisterwerk der Liebe

Gedanken zum Volkstrauertag 1998 Von Josef Otto Schneider

Mit schnellen Schritten bewegt sich das 20. Jahrhundert seinem Ende zu. Wir blicken zurück auf eine Zeitspanne, die den Menschen dieser hundert Jahre Entbehrungen statt Glück, Arbeit statt \

Erholung, Rastlosigkeit statt Ruhe gebracht hat ?

\

Kritisch gesehen, mußten die Völker Europas zudem zwei j Weltkriege überstehen, um zu erfahren, was es heißt, in Frieden miteinander leben zu können ein Friede, der, zumindest was Mitteleuropa betrifft, seit mehr als einem halben Jahrhundert] andauert. In seinem Gefolge sind die Grenzen gefallen, wird schon j nach wenigen Jahren eine allgemeine Freizügigkeit als völlig] selbstverständlich empfunden: Nachbarn sind sich nicht länger] Feinde.

Mehr und mehr erkennen wir, die heute Lebenden, die diese I Entwicklung genießen dürfen, daß Friede nichts Selbstverständli­ches, sondern ein hohes Gut ist, für das sich jeder unentwegt ] einsetzen muß. Gegenseitige Achtung unter den Völkern ist dabei j ebenso notwendig wie Toleranz und Anerkennung der Eigenart des 1 anderen. Eine derart friedfertige Einstellung fuhrt zwangsläufig 1 auch zu der Einsicht, daß wir Bewohner eines Kontinents, eines Sternes sind, dem wir den Namen »Erde« gegeben haben.

Diese Friedenshaltung, die sich viele unter uns inzwischen zu eigen gemacht haben, ist unter Opfern und bitterer Erkenntnis auf | uns gekommen. Millionenfache Blindheit und Ignoranz führten zu millionenfachem Tod von Menschen, die von ihren Führungen^ den 1 Befehl erhielten, auf den jeweils »anderen« zu schießen, die befahlen, den jeweils »anderen« umzubringen, zu bombardieren, abzuschießen, zu versenken welch unendliches Leid haben wir Menschen einander angetan!

Am Volkstrauertag kann es vor dem Hintergrund solch bitterer j Erfahrung einzig darum gehen, alle Kraft für den Frieden ein-1 zusetzen, einen Frieden, der von seinem Begreifen her mehr ist als Nicht-Krieg. An der kritischen Lage im Südosten unseres Kontinents, gar nicht weit weg von uns, müssen wir aber auch schmerzlich erkennen, wie dünn die Schicht zum Un-Frieden ist, auf der wir uns bewegen. »Der Friede ist ein Meisterwerk der Vernunft«, stellte einst Immanuel Kant fest. Wäre es, nach den Erkenntnissen unseres Jahrhunderts, nicht treffender, zu sagen, daß der Friede ein Meisterwerk der Liebe ist? Aber der Weg dahin bleibt beschwerlich.