Bonn, den 24 . September 1990
Bundesrepublik Deutschland der Bundeskanzler
Mit dem 3. Oktober wird der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wirksam werden. Deutschland, unser Vaterland, ist damit endlich wieder vereint.
Dies wird für alle Deutschen ein Tag der Freude. Wie lange haben wir darauf gewartet - und wie viele hatten schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt, diesen Tag zu erleben! Nicht wenige hatten sich längst mit der Teilung abgefunden, ja sogar gemeint, ihr gute Seiten abgewinnen zu können.
Wir sollten uns immer wieder die historische Dimension dessen ins Bewußtsein rufen, was in diesen Monaten geschehen ist und noch weiter geschieht. Schauen wir nicht nur auf die sich oft überstürzenden Ereignisse und Nachrichten des Tages.
Natürlich sehen wir die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sozialen Probleme beim Neubeginn in den fünf neuen Bundesländern - Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Wir müssen uns aber auch immer wieder bewußt machen, daß wir Zeugen eines wahrhaft weltbewegenden Ereignisses und eines herausragenden Augenblicks in der Geschichte unseres Volkes sind.
Jetzt wird Wirklichkeit, was sich die Deutschen seit über vierzig Jahren erhofften: ein vereintes Vaterland in einem Europa, das im Zeichen der Freiheit zusammenwächst. Die Vereinigung Deutschlands vollzieht sich ohne Krieg, ohne Gewalt, in vollem Einvernehmen mit unseren Partnern und Nachbarn in West und Ost. Das ist in der neueren Geschichte Europas ein beispielloser Vorgang.
Wann je hat ein Volk das Glück gehabt, Jahrzehnte der schmerzlichen Trennung auf so friedliche Weise zu überwinden? Wir haben allen Anlaß, dafür dankbar zu sein. In diesem Sinne sollten wir den 3. Oktober, den Tag der deutschen Einheit, begehen. Es ist ein glücklicher Tag für uns Deutsche, ein Zeichen der Hoffnung auch für alle Europäer.

