Zehn Jahre Lebenshilfe für geistig behinderte
Kinder
Sie kennen geistig behinderte Kinder! Nein! Dann stelle ich Ihnen eines dieser Kinder stellvertretend für rund 60.000 in der Bundesrepublik und viele Hunderte im Saarland vor.
Klaus ist jetzt zwölf Jahre alt. Als er zur Welt kam, freuten sich Vater und Mutter und mit ihnen die ganze Familie. Als Klaus ein Jahr alt war, tuschelte die Nachbarschaft hinter vorgehaltener Hand: „Der Klaus von denen nebenan ist nicht so richtig.“ Klaus konnte noch nicht sitzen, nicht plappern und ein Lachen war kaum zu bemerken. Eines Tages fragte eine Nachbarin: „Wann kommt Klaus in eine Anstalt? “ Die Mutter rannte zu Tode erschrocken nach Hause ans Kinderbett. Nein, das kann nicht wahr sein, das darf nicht wahr sein! Und doch, wie Schuppen fiel es der Mutter von den Augen: Klaus ist anders als die drei älteren Geschwister. In dem Alter rutschten die schon in der Stube herum, sagten „Mama und Papa“ und versuchten die ersten Schritte. Jetzt begann ein Leidensweg, den man mit all seinen seelischen Belastungen nur erahnen kann. Am Morgen war sie beim Hausarzt, der ihr Trost zusprach. Sie stand am Anfang des Weges, den alle Eltern behinderter Kinder beschreiten. Er führt vom Kinderarzt zur Kinder— Klinik, von diesem Professor zu jenem Professor, vom Heilpraktiker zum Gesundbeter. Keiner konnte helfen, jeder versuchte zu trösten. Mit vier Jahren konnte Klaus gehen, mit undeutlichen Worten sich verständigen. Er wurde sechs Jahre und sollte in die Schule. Die Mutter meldete ihn nicht an. Es kam im nächsten Jahre wieder ein Schultermin. Auf dem Schulhof schauten alle Kinder nach dem Kind, das an Mutters Hand zum Eingang ging. Sie machten sich verstehende Zeichen, wenn beide vorbei waren. Der Schulleiter winkte gleich ab.
Sie machte keinen Versuch mehr. Klaus blieb daheim. Die meiste Zeit im Hause, denn auf der Straße wollte keiner mit ihm spielen, oder die Nachbarn riefen ihre Kinder ins Haus.
Vor einem Jahr hörte sie von der Lebenshilfe. Nach langen Überlegungen suchte sie vorsichtig Verbindung mit dieser Vereinigung zu knüpfen. Sie fand die Verbindung, sie fand Menschen, die sie verstanden, die ihr helfen konnten. Ein
Besuch in einer Tagesstätte zeigte ihr nach elf Jahren einen Hoffnungsschimmer.
Ein Jahr ist Klaus in dieser Einrichtung. Er hat lachen und sich wieder freuen gelernt. Das Lachen hat auch wieder Eingang in die Familie gefunden. Morgens wird Klaus mit einem Bus abgeholt und abends nach Hause gebracht. Dieser Bus oder ähnliche sind in fast allen Orten unseres Landes anzutreffen. Zu diesen Fahrzeugen gehört oft die Inschrift: „Spende Aktion Sorgenkind“ durch Fernsehen und Peter Frankenfeld überall bekannt. Ähnlich wie Klaus haben bisher über 400 Kinder einen Platz in einer Tagesstätte im Saarland gefunden. Viele Hunderte aber warten noch und kümmern daheim dahin.
Kennen Sie die Lebenshilfe! Nein! Ich stelle vor:
Vor zehn Jahren schlossen sich Eltern solcher behinderter Kinder mit Männern und Frauen, die helfen wollten, zusammen. Sie gründeten die „Vereinigung der Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind.“
Was ist das Ziel dieser Vereinigung ?
Hilfe für das behinderte Kind, Hilfe den Eltern solcher Kinder durch Errichtung von:
1. Sonderkindergärten für 3 — 7 jährige Kinder
2. Tagesbildungsstätten bis 18 Jahre
3. Beschützende Werkstätten für Jugendliche und Erwachsene
4. Wohnheime für alle, die im Elternhaus kein Heim mehr finden.
Ein großes Programm werden Sie sagen. Ein Vater einer heute 18—jährigen Tochter sagte vor einigen Tagen: „Als ich dieses Programm vor einigen Jahren sah,
glaubte ich zu träumen. Heute weiß ich, daß dieser Traum Wirklichkeit geworden ist.“
Vor drei Jahren wurde die Lebenshilfe im Saarland gegründet. Im Saarland gibt es jetzt 12 Tagesstätten mit Sonderkindergärten und Tagesbildungsstätten, drei Sonderschulen für geistig Behinderte, und drei Anlernwerkstätten mit über 400betreuten Kindern und Jugendlichen. Mit Spenden Zuschüssen und durch — Sammlungen —, Ihrem Geld, lieber Leser, und den Mühen der vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Lebenshilfe, wurden diese Einrichtungen aufgebaut. Mit dem Aufbau von Beschützenden Werkstätten und Wohnheimen muß baldigst begonnen werden. Aus den Kindern werden in einigen Jahren Erwachsene. Sollen Sie dann nach Hause geschickt werden und wieder wie die noch Wartenden ohne Hoffnung auf Hilfe sein?
Wissen Sie was ich will! Nein ! Ich will sagen:
1. Sie lieber Leser mit dem Problem Sorgenkind bekanntmachen, um Ihr Verständnis für den Behinderten bitten. Das Ziel ist die Eingliederung in unsere Gesellschaft.
2. Alle Eltern und Freunde von Behinderten Kindern bitten, sich an die Lebenshilfe zu wenden. Die Lebenshilfe kann und will allen helfen.
3. Mitglieder für die Vereinigung im Saarland zu werben. Wir brauchen Idealisten, die bereit sind, durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit und einen Jahresbeitrag von 14,— DM dem behinderten Kinde zu helfen.
4. Sie um eine Spende bitten. Vom 7. — 21.12.1968 wird im Saarland für diese Kinder gesammelt. Denken Sie an eine Spende? Bei Ihnen wird nicht gesammelt? Ich gebe Ihnen eine Nummer an: 7611 Girozentrale Saarbrücken oder 16300 Postscheckamt Saarbrücken.
Brauchen Sie Hilfe? Wenden Sie sich an Ihr Gesundheitsamt oder Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind, Landesverband Saarland, 6683 Spiesen, Wiesenweg 1.
Georg ORTH, Spiesen

