Ausgabe 
2.8.1968
 
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ALTE MONTABÄURER

"Aus gegebener Veranlassung* - so beginnen manche Briefe, Die Kirmes in unserem Städtchen scheint mir eine solche "Veranlassung" zu sein, dem Begriff "Alte Monta­bäurer" eine kurze Betrachtung zu widmen.

Die Geburtsurkunde jedes neuen Erdenbürgers weist aus, an welchem Tage, zu welcher Zeit und an welchem Ort er das Licht der Welt erblickte. Der Mensch hat damit seine Vater­stadt gefunden. Während der eine zeitlebens in heimischer Umgebung seine Tage von der Wiege bis zur Bahre verbringt, zieht es den anderen hinaus in die Welt, Von dem Ersteren, der ja sozusagen zu einer täglichen Erscheinung im Alltags­leben wird, sagt man, wenn er m die Jahre kommt, "ein alter Montabäurer", An den Zweiten erinnert man sich bestenfalls bei einem späteren gelegentlichen Besuch und stellt dann, je nach Erinnerungsvermögen erstaunt fest, daß er auch ein Montabäurer ist.

An der bisher getroffenen genealogischen Tatsache wäre weiter nichts Bemerkenswertes, wenn nicht, wie allerorten, noch eine andere Gruppe von Mitbewohnern existent wäre. Es handelt sich um die große Zahl hier ansässig gewordener Bürger, Die meisten von ihnen unterscheiden sich schon nach kurzer Zeit ihres Aufenthaltes im alten Mons-Tabor kaum noch von den Eingeborenen,

Höchstens der andersartige Dialekt verrät, wo ihre Wiege vordem stand. Im übrigen aber nehmen sie im privaten und öffentlichen Bereich an freudigen und traurigen Ereignissen teil und feiern die Feste wie sie fallen.

In der Fachsprache heißt es, daß sie sich akklimatisiert haben. Bei ihren Kindern aber verschwinden oft selbst die sprachlichen Unterschiede,

Tja, worauf soll das Ganze nun hinaus? Das sind doch uns allen bekannten Binsenweisheiten,. Nein, sie sind es eben nicht. Allzuoft ergeben sich nämlich Reibungspunkte zwischen einem Teil der Alt- und Neubürger, Je nach Temperament werden dann die gegenteiligen Ansichten über das Stadtgeschehen humorvoll und witzig, zynisch und manchmal sogar verächtlich an den Mann gebracht. Ich glaube aber, daß dies nicht nur in Montabaur der Fall ist, sondern anderswo auch.

Wichtig ist nur eines, daß man nämlich trotz gegenteiliger Auffassung gegenseitiges Verständnis füreinander aufbringt.

Der alte Montabäurer - und er kann nicht älter sein, als seine Geburtsurkunde ausweist - hat genauso einen berech­tigten Heimatstolz wie jeder Koblenzer, Münchener oder Hamburger,

Er hängt an vielem, das ihm von Kind auf vertraut ist.

Wer im Laufe der Jahre hinzugekommen ist, um mit ihm unter dem gemeinsamen Dach seiner Vaterstadt zu wohnen, braucht weder Gast, Fremdling noch Wanderer zu bleiben.

Der Beweis ist tausendfach erbracht, daß mancher seine neue Wahlheimat und ihre Bewohner sehr schnell schätzen und lieben lernte,

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Dem Geburtsscheininhaber des hiesigen Standesamtes steht | es dagegen nicht an, aus dieser Tatsache eine Überheblich-! keit irgendwelcher Art erkennen zu lassen, |

Mit dem überwiegenden Teil der Neubürger braucht man ; nicht erst den berühmten Sack Salz zu essen, um festzu­stellen, daß doch sehr vernünftige Leute darunter sind.

Sie zeichnen sich durch die gleichen Vorzüge und Schwäch aus, die einem selbst nur zu gut bekannt sind. Kontaktarme und verschlossene Charaktere aber müssen, gleichviel ob hier oder sonstwo geboren, ihr vorgezeichnetes Schicksal erdulden, in mancher Gemeinschaft als Fremdling zu gelten.

So wollen wir denn alle zusammen wie eh und je die Kirmes in Montabaur feiern. Wem diese Stadt gefällt und wer sie liebt, wer in ihren Mauern zu Hause und zufrieden ist, wer als Menschenfreund leben und leben läßt, der ist oder wird und bleibt bestimmt ein Montabäurer,

Zum Kirchweihfest sei uns deshalb allen gemeinsam ins Stammbuch ein besinnlicher Text geschrieben, zum lesen, selbsterkennen und verstehen:

Wenn wir sonntags in die Kirche gehn,

! s war immer so, 9 s war immer so,

bleiben wir noch erst am Wirtshaus stehn, , » . s war immer so, s war immer so.

Du lieber Gott im Himmelreich,

vor Dir sind alle Menschen gleich,

denn wir sind ja Deine Kinderlein,

s war immer so, 8 s war immer so,

und außerdem auch kleine Sünderlein,

' s war immer so, * s war so.

Schlafen wir dann bei der Predigt ein, s war immer so, s war immer so, heizt der Pfarrer uns dann tüchtig ein, > s war immer so,s war so.

Du lieber Gott im Himmelreich, vor Dir sind alle Menschen gleich, denn wir sind ja Deine Kinderlein,

s war immer so, »s war immer so, und außerdem auch kleine Sünderlein, s war immer so, 9 s war so.

Wenn die Orgel »s letzte Stück dann spielt,

9 s war immer so, » s war immer so, alt und jung sich wieder durstig fühlt,

»s war immer so, »s war so.

Ins nächste Wirtshaus führt der Schritt, zum Schluß kommt auch der Pfarrer mit, denn wir sind ja seine Kinderlein,

* s war immer so, s war immer so, und außerdem auch kleine Trinkerlein,

s war immer so, s war so,

R, S,

!