auch die Schule verlassen, ein Zwölftel der Gesamtzahl, was einen sehr harten Schlag für die Schule bedeutete.
Das Rpstkonvikt zog damals aus. In den alten Räumen, dessen "prächtiges Äußere von Wohlstand zeugte", wie Kerber ein Jahr vorher festgestellt hatte, richtete der Staat ein NS-Schülerheim ein, das nun Lehrer des Gymnasiums leiteten und das dem Direktor unterstand.
So wurden damals alte Beziehungen zur Kirche gelöst, die in vielleicht 700j ähriger Geschichte recht eng geknüpft waren und sich eigentlich immer nur als vorteilhaft erwiesen hatten. Der Regens des Konviks hatte bis dahin einen gewissen Einfluß auf die Beschlüsse des Kura* toriums und stand auch als Vertreter der Eltern seiner Internatsinsassen in ständigem Konnex- mit der Schule, außerdem hatte er, dem Vertrage entsprechend, die Belange der katholischen Schiller wahrzunehmen. In der Praxis des Schulalltags führte das dazu, daß der Regens unterrichtlich eingesetzt war und so auch Sitz und Stimme in den Konferenzen besaß. Das alles fiel nach der Auflösung des Konvikts weg und wurde nach der Wiedereröffnung des Gymnasiums und auch nach der Verstaatlichung nicht mehr erneuert, so daß auch in dieser Hinsicht der Abschied und die Pensionierung des Direktors Holtz einen deutlich wahrnehmbaren Einschnitt in der Entwicklung unseres Gymnasiums bedeutet.
Am gefährlichsten muß man alle die Neuerungen empfingen, die der Öffentlichkeit eben nicht bekannt wurden oder an denen sie ahnungslos vorüberging, weil sie ihre Gefährlichkeit einfach nicht sah und gar nicht sehen konnte; denn diese Seite der Gefährdung der Jugend durch die nationalsozialistische Ideologie erkennt und erfährt auch heute nur ein in Erziehungsproblemen und jugendpsychologischen Fragen versierter Mann, der Einblick in schulinterne Akten hat die auch in den Unterrichtsbetrieb sozusagen in das Interieur einer Klasse, hineinleuchten.
Diese Seite der Beeinflussung erhellt etwa aus der Themenstellung der Abituraufgaben, und das in allen Fächern.
Auch die Richtung, in der sich der Einfluß auswirken wollte, kann man an der Formulierung der Themen ablesen. Hier sollen nur 2 Themen, wahllos herausgegriffen, angedeutet werden, die Ostern 1940 die Abiturienten zu beantworten hatten. Eine Aufgabe für die Prüfungsaufsatz in Deutsch lautete* "Was sagt Ihnen das Worts "Im Kriege entscheidet das Moralische>" Auf den ersten Blick mag eine »lehe Frage unverfänglich und harmlos erscheinen.
Wer aber einen Augenblick länger bei seiner Betrachtung verharrt, dem wird diese Fragestellung bald seltsam und in sich problematisch erscheinen, weil hier der Begriff "moralisch" zu schillern beginnt und am Ende genau das Gegenteil vom dem aussagt, was man vor 1933 und auch heute wieder hinter ihm verborgen weiß. Das andere Thema ist eine mathematische Aufgabe, hier nur gekürzt wieder- gegeben* "Von einem Schallmeßtrupp vdrd ein feindliches Geschütz von 3 Punkten ...... angeschnitten
Eine besondere Empfehlung waren solche Einflußnahmen und Einwirkungsversuehe auf das Gymnasium nicht. Die Eltern wenigstens scheinen der Richtung, in der die Entwicklung des Gymnasiums jetzt verlief, recht mißtrauisch
gegenübergestanaen zu naDen. i>»as Kann man au uei dc- wegung der Schülerzahl genau ablesen. Seit 1914 zeigt sie fallende Tendenz. Damals zählte das Gymnasium 273 Schüler - männlichen Geschlechts muß man jetzt betonen. Danach setzte ein Rückgang ein, der ohne Zweifel kriegsbedingt war. Wenn diese Erscheinung auch noch nach 1924 anhielt, dann ist auch das verhältnismäßig leicht wieder durch kriegsbedingten Geburtenschwund zu erklären. Aber den Tiefpunkt erreichte die Belegungsziffer unseres Gymnasiums 1935 mit 197, d. h. daß bei 9 Klassen im Durchschnitt nur 21, 81 Schüler auf eine Klasse kamen, während 1914 die Ziffer immerhin (geringfügig) Uber 30 lag. Wenn 1940 der "Normalstand" von 1914 um 7 überschritten wurde, dann fand das einfach seine Ursache in dem seltsamen Widerspruch in sich, daß die "Oberschule für Jungen" eben auch Mädchen aufnahm. Auch das ist ein wesentlicher Wandel in der strukturellen Entwicklung der Schule, der zwar zeitlich etwa mit der Pensionierung des Direktors Holtz zusammenfällt, aber dennoch in keinem inneren Zusammenhang mit ihm und den Umständen steht, die zu dem Wechsel im Direktoriat des Gymnasiums geführt hatten. In solchen unauffälligen Erscheinungen kündet sich m. E., gerade noch für den Forscher vernehmbar, über alle herrschenden modischen Zeitströmungen hinweg ein Wandel in der Haltung der Bevölkerung der Höheren Schule gegenüber an, der freilich erst nach dem 2. Weltkrieg deutlich zutage trat.
Auch sonst noch hatte die NS-Bewegung mancherlei Einfälle bereit, die sie gelegentlich als besonderes Angebinde den überraschten und erstaunten Lehrern präsentierte, z. B. die Erhöhung der Wochenstundenzahl in den Leibesübungen, die sogen. "3. Turnstunde". Sie zog die Einführung des Sportnachmittags nach sich, der dann in den "Staatsjugendtag" eingebaut wurde und die Schulwoche um einen Unterrichtstag verkürzte. Um nicht unter dem Ausfall immer gleichen Fächer leiden zu lassen, erfang man den rollenden Stundenplan". Das Prinzip ist sehr einfach. Man stellt einen normalen Stundenplan auf, läßt ihn aber jede Woche einen Tag früher beginnen, so daß durch den "Staatsjugendtag" der einzelne Unterrichtstag nur in 6 Wochen einmal ausfiel. Das ist zwar eine einfache Rechnung, die aber umso größere Verwirrung au - richtete. Vielleicht war das sogar beabsichtigt, nämlich Verwirrung zu stiften und den Ordnungssinn in der Jugend zu zerstören. In diesen Zusammenhang gehört schließlich noch die Verlegung des Schulbeginns in den Oktober.
1942 erlebte also das Kaiser Wilhelms-Gymnasium die dritte Veränderung des Schulanfangs, und das mitten im Kriege. Fortsetzung folgt
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