Ausgabe 
27.5.1966
 
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in mitreissender Weise präsentiert.

Auf Grund der starken Nachfrage empfehlen wir, sich für das "Bettelstudent-Gastspiel" sogleich die Plätze im Vor­verkauf zu sichern.

Vorverkauf: Städt. Verkehrsamt, Rathaus, Zimmer 2.

Pfarrer Debus schreibt Ihr Lieben, in der Heimat

"Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!" - Wie oft haben wir so frohgemut und wirklich unerschüttert auf unserer Seereise gesungen. Als wir uns bei Sonnenaufgang des 3. März langsam dem Hafen von Walvis Bay näherten und unser Ziel erblickten, da waren wir jedoch mehr als nur leicht erschüttert. Für Stadt und Hafen allerdings war es ein grosser Tag von geschichtlicher Bedeutung: das erste Schiff dieser Größenordnung wurde an der Pier vertäut. Bislang mußten alle dicken Pötte, auch die Cape- town Castle auf ihren früheren Fahrten, auf der Reede an­kern. Passagiere und Fracht wurden auf Schlepper verla­den und dann an Land gebracht. Nun aber war die Fahrt­rinne vertieft worden, zudem hatte unser Schift, wie be­reits berichtet, diesmal so geringen Tiefgang, daß es di­rekt in den Hafen einlaufen konnte. - Mehr als 5 Fuß Was­ser soll es aber stellenweise nicht unter dem Kiel gehabt haben. - Auch für die Deutsche Ev. Gemeinde war es ein Freudentag, der die Erfüllung eines 10 Jahre alten Wunsches brachte: der erste eigene Pfarrer kam an!

Bloß unsre Gesichter wurden lang und länger, das aufge­regte Geschnatter, das eben noch die Packerei und den Abschied von den Mitreisenden begleitete, wurde bang und bänger. Wer hatte auch je so etwas gesehen? Ein tief­blaues, spiegelglattes Meer und Sand, Sand, so weit das Auge reichte Sand; erst goldener, dann , je höher die Son­ne stieg, immer gelber werdender Sand; ein Strand aus lauter Sand, dahinter in haushohen Dünen landeinwärts­rollender Sand. Die ganze Welt Wasser und Sand, darüber ein wolkenloser, unwahrscheinlich blauer Himmel.

Inmitten dieser Sand- und Wasserwüste lag das Ziel unse­rer Reise, unser zukünftiger Aufenthaltsort - was anderes wird uns dieser Sandkasten ja wohl nicht sein können - Walvis Bay, Walvisbaai, Walfischbay, Walfischbucht und wie die Schreibweisön sonst noch lauten mögen. Freilich, am Wasser entlang war ja alles, wie überall sonst; grosse und kleine Schiffe, Öltanks, Kaimauern, Kräne und Hafen­schuppen. Ein Hafen wie alle anderen. So was hatten wir schon gesehen. Aber das, was dahinter lag! Das kann doch nicht wahr sein? ! So etwas gibt's doch nur in Wildwest­filmen! Lauter Bretterbuden, gelb wie der Sand, hie und da mal ein einstöckiges Haus, ein gelber Betonkirchturm. Hinter diesem Riesenhaufen von Barracken aber Sand, Sand. . siehe oben! Dazu kam dann noch der unheimliche Gestank der Fischfabriken an denen wir vorüberfuhren und vor dem man uns bereits zu Hause gewarnt hatte. Kein Wunder, daß die Blicke aller Mitreisenden denen wir erzählt hatten, daß wir in Walvis Bay nicht nur ausstiegen, sondern blei­ben werden, voller Mitleid auf uns ruhten. "Wath a place to live!" stöhnten'die Engländer. "Wie kann man hier nur aushalten?", fragten kopfschüttelnd die Deutschen. Ich ha­be mich ganz klein gemacht, weil ich mich so schämte, zukünftiger Bürger dieses Alpdruckes zu sein.

Um 8.00 Uhr machte die Capetown Castle an der Kaimauer fest. Unsre Kleinen schauten vom Deck herunter und krieg­ten den Mund nicht mehr zu. Da unten wimmelte es ja von lauter schwarzen Männern in weißen und blauen Overalls.

Das also war Afrika! Wer weiß , was ihre kleinen Phanta­sien sich bislang darunter vorgestellt hatten.

Die Beamten der Zoll- und Einwanderungsbehörde kamen an Bord. Es begann eine bisher noch nicht erlebte langwie­rige Prozedur. Kein Wort mehr gegen die Behörden der Bun­desrepublik! Zwei Stunden dauerte es, 40 Leute abzufer­

tigen, die alle erst nach der Vorlage eines gewaltigen Ak­tenberges von der Botschaft der Republik von Südafrika in Deutschland ihr Visum bekommen hatten; die man also sorgfältig genug geprüft hatte. Doch hier begann alles noch mal von vorn. Pässe, Impfzeugnisse. Zolltormulare wurden vor und zurückgeblättert und abgeschrieben. Dann kamen die Fragen; "Woher, wohin, warum wieso, wer zahlt, wie lang, usw. ?" Bei mir, der ich mich als "die nuwe dominee von die duitse lutherse Kerk" vorgestellt hatte, ging es noch verhältnismäßig schnell mit der Verhöraktion.

Bis kurz vor 10. 00 Uhr standen wir nach unserer Abfertigung auf dem Oberdeck herum und winkten der kleinen Abordnung der Gemeinde, die unten am Kai stand und uns freudig entdeckt hatte. Sprechen konnte man nicht miteinander, dafür standen wir zu hoch. Eine peinliche Situation - man war sich so nahe und konnte doch nicht Zusammenkommen. Also noch mal winken, befangen lächeln und dann schnell hinter Beni herrennen, der sich mal wieder selbständig ge­macht hatte. Dabei ging es uns noch gut. Die da unten froren wie die Schneider. Man konnte sie deutlich zittern sehen. Es wehte eine frische Brise, die uns Europäern, die gerade aus dem Winter kamen, nichts ausmachte. Doch für diese Afrikaner war es empfindlich kalt. Dann kamen die Schulkinder in Zweierreihe anmarschiert, lustig anzusehen in ihren blauen Schuluniformen. Die Kleinsten hielten sich an einem Strick fest, den sie zwischen sich herschleppten. Auf, Leute, winkt noch mal! - Um 9.00 Uhr sangen sie, weil sie wohl nicht länger warten konnten. Die armen Leh­rer müssen schon völlig nervös geworden sein. Ein paar deutsche Laute erreichten uns. Verstehen konnte man nichts, wir standen ja viel zu hoch. Dabei waren es. wie wir hin­terher erfuhren, extra für uns gedichtete Verse. Uns blieb nichts als Winken. Mit meiner wohlpräparierten Dankrede war es natürlich Essig.

Etwas Abwechslung bot dann die Ausschiffung des Autos. Augenscheinlich hatte unseres die Reise gut überstanden. Schließlich durften wir selbst von Bord. Beladen wie Pack­esel kletterten wir den steilen Laufsteg herab, ein Hinder­nis für alle Nachfolgenden, denn unsere Kleinen setzten nur zögernd Fuß vor Fuß. Die Welt des Schiffes war ihnen in den vergangenen 15 Tagen vertraut geworden. Aber das, was sie an Land erwartete, schien doch sehr unheimlich zu sein.

Wieder festen Boden unter den Füssen, wurden wir von zwei Herren des Gemeinderates begrüßt. Die Pfarrfrau bekam Blumen. Etwa zwanzig Leute wollten die Hand geschüttelt bekommen. Dann wurden wir in zwei Autos verladen und zum Zollschuppen gebracht. Erneutes Warten! Zwei Koffer waren nicht beim Zoll, sondern bei der Eisenbahn gelandet. Die Bahn wollte sie nicht rausrücken; ohne Koffer aber, die auf unseren Zollformularen eingetragen waren, keine Zoll­abfertigung des übrigen Gepäckes. Kometenzsstreitigkeiten, Telefongespräche, lautes Geschimpfe, bis einer der Kirchen­vorsteher explodierte (das hilft hier immer, wie ich inzwi­schen festgestellt habe und nun auch selbst praktiziere. In diesem heimlichen Kampf aller gegen alle - weiß gegen schwarz, Buren gegen Engländer gegen Deutsche - kommt man namentlich als "bloody Jerry" - und das 21.Jahre nach Kriegsende - bei den niederen Behörden nur durch, wenn man die Freundlichkeit vor dem Amtszimmer läßt). Die Koffer kamen und um 11.30 Uhr durften wir das Hafenge- lande verlassen. Auf zum Pfarrhaus! Und nun hob sich unsre Stimmung zusehends. Es stank nicht mehr nach Fisch. Die Bretterbuden entpuppten sich als gemauerte Bungalows, blau, braun, weiß, gelb, rot gestrichen, alle mit Vorgärten, in denen niedrige Palmen und Sträucher standen; Geschäfte, sogar eine Verkehrsampel. Selbst das Rotlicht erfreut einen wenn sonst die ganze Welt gelb ist. Endlich standen wir vor dem Pfarrhaus, einem ebenerdigen Gebäude, weiß ge­kalkt, mit grünen Türen und Fensterrahmen, im großen Garten allerdings nur ein paar Büsche, sonst Sand, i.m Kü­cheneingang wartete Martha, ein Ovambomädcnen, unter