Weihnachtliche
A Is ich noch ein kleines Kind war, begann für ^^mich die Vorweihnachtszeit immer an dem Tag, an dem ich zum erstenmal mit meinem Großvater ins Engelamt gehen durfte. Die stille Kirche, die brennenden Wachsstöcke vor jedem Beter und das feierliche „Tauet Himmel den Gerechten" sind für mich noch heute der Inbegriff der Vorweihnachtszeit.
Als mein Sohn noch klein war, fuhr ich in der Vorweihnachtszeit einmal mit ihm in die Stadt und zeigte ihm das große Schaufenster eines Spielzeuggeschäftes, in dem alles zu sehen war, was ein Kinderherz höher schlagen läßt. Nach ein paar Tagen verriet er mir vor dem Einschlafen: „Mammi, ich wünsch mir heuer gar nichts vom Christkind, nur das Schaufenster von dem Geschäft."
Bei uns gibt es am 1. Dezember für jedes Kind eine Adventschnur. Ein glänzendes Silberband, an dem 24 kleine Päckchen hängen. Und wenn wir die erste Adventskerze anzünden und zum erstenmal der Duft der selbstgebacivenen Lebkuchen durchs Haus zieht, wird bei uns die „Heilige Nacht' von Thoma vorgelesen. Weihnachtsgeschichten muß man vorlesen, damit die ganze Familie etwas davon hat. Es gibt ja so viele, von Waggerl, von Dickens, von der Lagerlöf. Eine unserer liebsten Geschichten ist die Legende vom allerersten Christbaum: „Als das
Gedanken
ganz einfach mit zum Weihnachtsfest. Genau so, wie der Duft von selbstgebackenen Lebkuchen, Zimtsternen, Spekulatius und Christstollen zur Vorweihnachtszeit gehört, und der Duft einer gebratenen Gans oder eines Truthahnes zum ersten Feiertag. Bei uns gehört auch „der Korb" zur Vorweihnachtszeit, in den jeder so ab und zu ein „Opfer" legt. Eine Tafel Schokolade, eine Mark vom Taschengeld, ein Buch. Kurz vor Weihnachten packen wir dann alle diese Dinge besonders liebevoll ein und schicken sie ins Kinderdorf. So lernen die Kinder, daß man nicht nur Wünsche haben, sondern auch Wünsche erfüllen soll. Nie sind Kinderherzen aufgeschlossener als in der Vorweihnachtszeit, wenn die ganze Familie beisammen sitzt, Sterne bastelt, Päckchen packt oder die'Weihnachtspost erledigt. Weihnachts- karfen gehören nun einmal zum Fest und haben ja auch ihren Sinn, solange sie ein persönlicher Gruß sind. Daß manche großen Firmen dazu übergegangen sind, das Geld für ein paar tausend unpersönlicher Weihnachtskarten zu sparen und lieber für einen guten Zweck zu stiften, finde ich dagegen sehr vernünftig.
Weihnachten, und besonders die Adventszeit, soll ja ein Familienfest sein, eine Zeit, in der man endlich einmal Zeit füreinander hat. Man muß dazu absolut nicht immer zu Hause
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Christkind in seiner Krippe im Stall von Bethlehem lag, kamen auch die Bäume von nah und fern, um ihre Huldigung darzubringen. Die großen Bäume mit ihren grünen Blättern und duftenden Blüten hatten die kleine Fichte ganz in die Ecke gedrängt. Dem Christkind tat das unscheinbare Bäumchen leid, deshalb bat es ein paar Sterne, herunterzukommen. Diese erfüllten die Bitte gern und setzten sich auf die Zweige des Bäumchens. So wurde aus der bescheidenen kleinen Fichte der festlich geschmückte erste Weihnachtsbaum, der den Menschen so gut gefiel, daß sie ihn jedes Jahr zu Christi Geburt nachmachten."
Aber nicht überall gibt es einen Weihnachtsbaum. In Mexiko haben sie die pinata, einen großen Tonkrug, der mit Süßigkeiten und Spielsachen gefüllt und an einem Türrahmen aufgehängt wird. Am Heiligen Abend ziehen die Familien singend mit brennenden Kerzen durch das dunkle Haus und klopfen an die verschlossenen Türen, um so die Herbergsuche zu symbolisieren. Am Schluß dürfen die Kinder die pinata zerschlagen und die Süßigkeiten und Spielsachen unter sich aufteilen.
Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit der großen und kleinen Geheimnisse, die von Kindern und Erwachsenen gleich gut gehütet werden-. Wir haben sie ein einziges Mal nicht gehütet. Unsere Tochter war damals gerade eineinhalb Jahre alt, und wir bastelten ungeniert alle Geschenke in ihrer Gegenwart.
Und am Heiligen Abend deutete sie mit spitzem Zeigefinger darauf und sagte:
„Hat Pappi macht, hat Mammi strickt, hat Omi näht!"
Und einmal gab es eine schreckliche Weihnacht bei uns. Ich stand mit den Kindern vor der Tür, „Stille Nacht, Heilige Nacht" ertönte aus dem Radio, die kleine Glocke läutete, die Tür ging
auf-und wir blieben erstarrt stehen.- Das „Christkind"
hatte vergessen, die Kerzen anzuzünden I
Vielleicht sind die elektrischen Kerzen praktischer und sicherer, für mich gehört der Duft der gelben Wachskerzen
sitzen. Da gibt es die herrlichen Krippenausstellungen, den Christkindlmarkt, das Adventsingen, den Perchtenlauf, und auch ein ganz einfacher Spaziergang durch einen verschneiten Winterwald kann ein Erlebnis sein, das für die Kinder später einmal eine schöne Weihnachtserinnerung ist.
Bei uns ist es Brauch, daß auch auf die Gräber Christbäume kommen. Vor der Bescherung geht man dann auf den Friedhof. Die Kerzen werden angezündet und spiegeln sich im Schnee, ein Männerchor singt Weihnachtslieder, und langsam kommt die Ruhe in unser Herz, die wir nach der Hetze, die der 24. Dezember trotz aller guten Vorsätze immer wieder bringt, so notwendig brauchen können.
Anschließend kommt das Abendessen. Nicht zu reichlich, denn die Kindermägen -r und auch die unseren - werden durch die Aufregung und den Inhalt der bunten Teller ohnehin noch mehr als nötig strapaziert. Und endlich ist es dann soweit. Die Weihnachtsg.locke läutet, die Tür geht auf, die Kerzen brennen am festlich geschmückten Baum, und nach ein paar Minuten der Besinnung geht das große Geschenkauspacken an. Weihnachten ist da. Das Fest der Freude und der Liebe — und der Geschenke - aber auch das Fest von Christi Geburt: Und der Engel sprach: „Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren."
Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi. Daran sollen wir am 24. Dezember denken.
(Text: Hilde Jauk-Zeichnungen: Ingrid Sieck)
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