Montabaur -2-
In die deutsche Nachkriegsgeschichte wird das Wahljahr 1972 eingehen als das Jahr der Wiederkehr harter politischer Konfrontationen, ein Jahr, in dem sich das bundesdeutsche Volk spaltete - so tief wie nie zuvor. Polarisierung, die schärfere Artikulation von Meinungen, kann jedoch für eine Demokratie nur solange nützlich sein, wie diese Polarisierung nicht von einer politischen Gegnerschaft in persönliche Feindschaft führt. Viele Wunden sind hier noch offen und müssen vernarben.
Im unmittelbaren Lebensbereich wurde das Jahr 1972 bestimmt durch die Auswirkungen der Kommunalreformmaßnahmen. Eingemeindungen und die Bildung der Verbandsgemeinden veränderten die kommunalpolitische Landschaft. Die Beziehungen des Bürgers zu seiner Verwaltung wurden entscheidend verändert. Nicht die billigere, sondern die für den Bürger effektivere Leistungsverwaltung wurde in den Vordergrund gestellt.
Und das alles haben wir gemeinsam, erlebt.
Jedermann kennt heute den engen Zusammenhang von Politik und Wirtschaft, von allgemeinem Wohlstand und privatem Glück, jeder erkennt auch seine wohlverstandene Abhängigkeit von der Dienstleistungsverwaltung.
Können wir trotz allem voller Hoffnung in die Zukunft blicken?
Hoffnung - das heißt für den Einzelnen: Persönliches Wohlergehen, ein Leben ohne Angst und Sorge, die Befriedigung aller Bedürfnisse des Alltags und die möglichst kostengünstige Inanspruchnahme des großen Leistungsangebots aller Verwaltungsebenen.
Diese Hoffnung setzt aber auch Vertrauen voraus. Vertrauen in die politische Zukunft des Landes, in die wirtschaftliche Vernunft der Regierenden, der Unternehmer, der Gewerkschaften und der Bürokratie.
Das in alle Vorgenannten gesetzte Vertrauenskapital ist möglicherweise geschmolzen. Dieser Schwund muß im Jahre 1973 wieder wettgemacht werden. Wie ?
Durch eine Versachlichung der Politik, frei von Emotionen. Durch eine Politik mit der Zielsetzung: Stabilität im Innern und Sicherheit nach Außen.
Auch für eine sachbezogene Kommunalpolitik zum Wohle der Bürger unseres Nachbarschaftsbereiches muß eine breitere Basis des Vertrauens gefunden werden.
Und all das unter der Maxime: Nicht mehr wagen - mehr wägen!
Die menschliche Seite dieser großen Zukunftsaufgaben ist nur mit der Hilfe der Bürger unseres Landes, unserer Verbandsgemeinde sowie unserer Städte und Gemeinden zu lösen.
Das Weihnachtsfest sollte diese Erkenntnis in uns vertiefen und uns zu neuen Taten helfen.
Im Namen der Verbandsgemeindevertretung, des Stadtrates und der Verwaltung
wünsche ich allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein frohes Weihnachtsfest und viel Glück im. Neuen Jahr 1 97 3.
W. MANGELS Bürgermeister.

