Ausgabe 
5.5.1967
 
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bewußt, welch segenbringende Arbeit sie damit leiste.

Volles Vertrauen wurde ihr zu diesem Unternehmen entge­gengebracht. Mit 38 Kleinen konnte sie die Schule in dem , früheren "Homanns Haus" an der Gelbachstraße beginnen. Doch die kleinen Räume und besonders die dunkle Treppe ließen es nicht zu, das Unternehmen weiterhin dort zu be­lassen.

Die Not und dife Sorge um den notwendigen Raum wurde je­doch dadurch behoben, indem Herr Apotheker Ernst Spies sein in der Färberbachstraße gelegenes Hinterhaus zur Verfügung stellte. Hier konnte es sich dann weiter entwickeln und nur zu schnelle kam die Zeit, da irran auch dieses Heim verlassen mußte, um in der Bierbrauerei H. Schlau in dem sog. "Bierstall" Unterkunft und mehr Platz zu finden.

Freudestrahlend zog die Schar der Kleinen, mit der einen Hand an dem obligatorischen Strick sich festhaltend und mit der anderen Hand das "Schabellchen" (Schemel) tragend, singend dem neuen Heime zu.

Hier in den größten Räumen konnten sich die kleinen Völker breit machen. Am meisten freute sich Frau Reipert, denn hier war ihr der richtige Platz gegeben und bei günstigem Wetter durften wir noch den "Schloue Gaartö" (der damals unbebaute Platz zwischen der ev. Kirche und Haus P. Falk) benützen und uns darin herumtummeln. Liebende Menschen taten ihre Hand auf, um das Werk der edlen Frau zu unterstützen, die noch an ihren heranwachsen- den Töchtern Hilfe fand.

Von Zeit zu Zeit gab es "'Bravzettelchen" und es galt'als eine besonders hohe Auszeichnung, wenn man den "Gold- zettel bekam. Spiele wurden aufgeführt, Lieder und Ge­dichte wurden gelernt und ein besonderer Festtag gab dann den Eltern Gelegenheit, sich von dem Können ihrer lieben Kleinen im damals "Großen Saale des Nassauer Hofes" zu erfreuen.

Unter den vielen Gönnern dieses Unternehmens war es ganz besonders der verst. Geistliche Rat Laux, der durch seine Besüche in der Anstalt und bei den Festlichkeiten in herz­lichen Worten Ermunterung für die Kleinen und Großen und ehrenvolle Anerkennung der großen und nicht so leichten Arbeit der hochangesehenen Frau Reipert hatte.

Obwohl ihr einst die Stelle als Leiterin eines Kinderheimes in Mühlheim a.Rh. angeboten war, lehnte sie sie; ab, da sie zu große Liebe zu den ihr anvertrauten Kindern und ihrer Heimat hatte.

Schwer war das Kreuz, das sie Zeit ihres Lebens trug und eine hartnäckige Krankheit machte der edlen Frau einen frühen Lebens.schluß. Nur 43 Jahre alt, gab sie ihren edlen Geist auf, tiefbetrauert von ihren Töchtern und nicht zum wenigsten von den ihr anvertrauten Kindern, die noch Jahre lang im Gebet für die Seelenruhe der Edlen gedachten.

So wollen wir heute nochmal unserer edlen Führerin in Liebe gedenken und dankbar ihrer ein stilles Gebet verrichten, denn nicht Weniges hat sie uns in unserer Jugend mit auf den Weg ins Leben gegeben, die große, edle Dul­derin und Erzieherin Fr a u Berta Reipert.

Ein ehemals Betreuter aus der Verwahrschule

GESCHICHTE DES STAATLICHEN GYMNASIUMS MONTABAUR 1930-1966

Dr. Karl Franzke

Die an gleicher Stelle vor einigen Wochen veröffentlichte "Geschichte des Kaiser Wilhelms-Gymnasiums" stammt aus der Feder des nun schon lange verstorbenen R. Holtz. Holtz hat in diesem Aufsatz das Werden der Schule von ihrer Gründung als Städt. Progymnasiunr im Jahre 1868 bis 1930 dargestellt. Die Aufgabe der folgenden Zeilen ist es, die Arbeit des Direktors Holtz, dem Ablauf der Geschichte folgend, bis in die Gegenwart weiterzuführen.

Das ist ein Auftrag, der wegen des kurzen zeitlichen Abstandes zu den zu berichtenden Ereignissen mancherlei Schwierig­keiten bietet; denn der Aufsatz soll Geschichte darstellen und muß also von Vergangenem berichten, das viele der Leser miterlebt haben und in ihrer Erinnerung noch sehr lebendig bewahren.

Das Erleben und Durchleben der Eereignisse einer Gegenwart ist aber noch nicht Geschichte, auch v r enn der rückschauende Betrachter n an der Gestaltung dieses Geschehens selbst aktiv beteiligt war. Das liegt daran, wie sich uns Geschichte mit- 1 teilt. Zwar ist die Sprache der Geschichte klar und für jeder­mann verständlich, aber eindeutig ist sie eben besonders dann nicht, wenn die Ereignisse, von denen sie berichtet, noch nicht lange zurückliegen. Alle Ereignisse und Vorgänge, selbst unser eigenes Handeln, das im Durchforschen der Vergäre, genheit wie ein Film auf dem Bildschirm vor unseren Augen abläuft, erscheinen uns anders, wie wir sie in der Erinnerung haben.

Die Bilder unterscheiden sich voneinander wie zwei Farbauf­nahmen von einer und derselben Landschaft, die zu ver­schiedenen Zeiten, also bei unterschiedlicher Beleuchtung, entstanden sind. Es -sschien mir wichtig, gerade diesem Aufsatz solche allgemeinen Betrachtungen voranzustellen. |

Seltsam ist es, wie stark doch unser Gymnasium mit dem j

großen Zeitgeschehen verknüpft erscheint. 1866 gründete !

Bismarck den Nordeutschen Bund unter Preußens Führung mit seinen Bundesgenossen und Montabaur wurde preußisch. Als sich im Jahre 1868 nord- und süddeutsche Abgeordnete im "Zollparlament vereinigten und so die erste Stufe zur Grün­dung eines neuen Deutschen Reiches erklommen, wurde die alte,seit 1340 bestehende Realschule in Montabaur zu einem Progymnasium umgewandelt, das 8 Monate nach der Reichs­gründung der erste Kaiser dieses Reiches zum Vollgymnasium erhob, obgleich damals der Schule noch die Prima fehlte; Wilhelm I. gab der Anstalt - m. W. als einziger Schule im ganzen Reichsgebiet - persönlich den Namen, den sie bis 1952 getragen hat und unter dem sie auch heute noch im Bewußtsein der Bevölkerung lebt: "Kaiser Wilhelms-Gvm- nasium ".

Das Patronat des Gymnasiums übernahm die Stadt Montabaur.

Nun waren ja die Jahre 1871 - 1914 für das Reich allgemein eine Zeit des Friedens mit einen geistigen kulturellen und wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung, wie man sie vorher nicht ein' mal.zu. erträumen gewagt hätte. In diesem halben Jahrhundert kündete -sich eine mit der Zeit immer deutlicher hervor­tretende Umstruktierung der Gesellschaft auf allen Gebieten an, die auch auf die Entwicklung der Schule uücht ohne Einfluß bleiben konnte. Zunächst aber ermöglichte der wirtschaftliche Aufschwung, an dem auch Montabaur teil­nahm, einer so kleinen Stadt, ein Gymnasium aufzubauen und zu unterhalten, wobei ihr die Regierung lange Zeit, mindestens bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges, verständnis­voll und tatkräftig zur Seite stand. Doch auch die Bürger­schaft, die ohne Murren manches Opfer für "ihr Gymnasium" brachte und nicht zu vergessen die Schüler durch ihren oft gerühmten Fleiß und ihre ebenso oft erwähnte'patriotische Gesinntheit" haben zum gedeihlichen Fortbestand der Schule ihren guten Teil beigetragen. Holtz hat einmal acht Kräfte aufgezählt, die an der Entwicklung der Schule mit ihrem Einfluß mitgewirkt haben: Die Direktoren, die Lehrer, die Schüler, die Kirche(vertreten durch das Bischöfl. Konvikt), die Bürger, die Stadt, das Provinzialschulkollegium und die Re­gierung. Fortsetzung folgt!

Das AMTLICHE BEKANNTMACHUNGSBLATT erscheint wöchentlich, Bezug: Nur an Abonnenten. Anzeigenpreisliste Nr, 2 vom 1. Okt, 1965,

HERAUSGEBER: Hans Schmid. VERLAGSLEITUNG: Christa Frisch, CHEFREDAKTION u. PRODUKTIONSLEITUNG: Marion Scheidhauer. V~" ~ DRUCK/VERSAND: Robert Loth.

DRUCK und VERLAG: PRIMO-VERLAG HANS SCHMID, 6689 Merchweiler/Saar, Pf. 20, Telefon 06825/5021, Telex 0444826, 6236 Eschborn/Taunus, Telefon 06196 / 41004, Telex 04 1 4396,

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